Berlin Fashion Week AW/26: Mehr Welt, mehr Programm – aber noch nicht genug Profil

Berlin. Minusgrade, glatte Straßen und trotzdem volle Venues: Die Berlin Fashion Week AW/26 (30. Jan.–2. Feb. 2026) wollte endgültig zeigen, dass Berlin mehr ist als Afterparty- Mythos. Mit 52 Präsentationsformaten, davon 42 Fashion Shows – so viele wie nie zuvor – und spürbar mehr internationalen Gästen stieg der Anspruch. Gleichzeitig blieb zwischen starken Kollektionen und Standort-PR die Frage offen: Wie nachhaltig ist dieser Aufschwung?
Kälte, Kulisse, Kalender: Berlin wächst – aber wofür?
Vom 30. Januar bis 2. Februar 2026 lief die Berlin Fashion Week AW/26 mit einem Rekordkalender: 52 Präsentationsformate, darunter 42 Fashion Shows. Offizielle Angaben nennen rund 30.000 Besucher – und wer vor den Venues stand, glaubt das sofort: Trotz Glatteis und zweistelligen Minusgraden blieb das Publikum präsent. Der Aufwand, den viele Labels in Set, Casting und Styling steckten, war sichtbar größer als noch vor ein paar Saisons. Das Tempo ist hoch, die Orientierung nicht immer.
Gleichzeitig zeigte die Woche ein bekanntes Berliner Spannungsfeld: sehr viel Programm, sehr viele Orte – aber nicht immer eine klare Dramaturgie. Wer nicht ohnehin wusste, wohin er muss, verlor sich schnell zwischen Runways, Installationen und Side-Events. Berlin kann „Stadt-Festival“ besser als „kompaktes Industrie-Meeting“. Das ist charmant, aber auch ein Problem, wenn Einkäufer und Presse effizient arbeiten wollen. Auch die prominenten Ankerpunkte wirkten symptomatisch: Marc Cain setzte am Funkhaus auf maximale Zugkraft (Jerry Hall mit Tochter Elizabeth Jagger), während junge Berliner Labels um die gleiche Aufmerksamkeit rangen. Reichweite ist legitim – kritisch wird es, wenn sie den Diskurs ersetzt. Dann wird die Fashion Week zum Fototermin, nicht zum inhaltlichen Austausch.

Internationaler Blick: Intervention, Hospitality – und Jasmina TV als Gradmesser
Inhaltlich am interessantesten war die fortgesetzte Internationalisierung. Programme wie Reference Studios’ „Intervention“ holten erstmals Labels wie John Lawrence Sullivan (Japan) und Kenneth Ize (Nigeria) nach Berlin; Orange Culture kehrte zurück. Dazu kommt ein Hospitality-Programm, über das gezielt Journalist, Buyer und Creator eingeladen werden. Berlin sendet damit: Wir wollen nicht nur Szene sein, sondern auch Schaufenster.
Ein gutes Beispiel dafür ist Jasmina TV: Das Creator-Duo Jasmina und David war vor Ort, veröffentlichte Reels, fasste Shows zusammen und bewertete Berlin aus einer Außenperspektive. Solche Stimmen sind wertvoll, weil sie nicht wie offizielles Standort-Marketing klingen. Gleichzeitig liegt hier die Falle: Wenn internationale Wahrnehmung stark über Creator-Content läuft, muss die Substanz auf den Runways stimmen. Sonst wird Berlin zur Kulisse für schnelle Clips – und nicht zum Ort, an dem Mode auch wirtschaftlich relevant wird. Positiv ist, dass die Öffnung nicht nur in Gästelisten, sondern auch in Formaten sichtbar wurde: RAUM.Berlin (Atrium Tower am Potsdamer Platz) bündelte Präsentationen unter einem Dach; der BERLINER SALON in der Gemäldegalerie verknüpfte Mode mit Kunst-Setting und machte deutlich, wie gut Berlin Kontext kann.

Side Events, Clubkultur und Berlins größte Stärke
Parallel zum offiziellen Runway-Kalender zeigte sich einmal mehr, wie stark die Berlin Fashion Week von ihren Side Events lebt. Sie sind Teil der DNA der Stadt – und oft genauso prägend für das Gesamtbild wie die Shows selbst. Designer Marcel Ostertag präsentierte seine AW26- Kollektion im Westin Grand Hotel nicht als klassischen Catwalk, sondern als inszenierten Abend mit Styling- Lounge, Pop-up-Shopping und Cocktail-Atmosphäre. Die Präsentation setzte stärker auf Erlebnis und Nähe zur Kundschaft als auf das traditionelle Runway-Narrativ. Solche Formate zeigen, wie sich Berlin zwischen Mode- Event, Retail-Moment und Social-Experience bewegt.
Ähnlich funktionierten Club-Formate wie Youngblood Berlin im Weekend Club am Alexanderplatz. Hier verschmolzen Mode, Nachtleben und Community-Event zu einem Format, das eher an eine Party mit Look-Drops erinnerte als an eine klassische Show. Solche Events sprechen ein jüngeres, lokales Publikum an und machen deutlich, dass Berlin seine Energie nicht aus Front-Row- Prominenz, sondern aus Subkultur und Szene bezieht. Diese Side Events sind Fluch und Stärke zugleich. Sie verleihen der Woche ihren typischen Berlin-Charakter: dezentral, spontan, experimentell. Gleichzeitig verstärken sie das Problem der Zersplitterung. Wer alles sehen will, muss sich durch ein Geflecht aus Runways, Pop-ups, Partys und Off-Events navigieren. Für Besucher ist das aufregend – für Einkäufer oder internationale Presse oft schlicht unübersichtlich.

Die stärksten Momente und die Baustellen dahinter
Künstlerisch überzeugte die Woche dort, wo Mode nicht als Spektakel, sondern als präzise Idee auftrat. In internationalen Rückblicken tauchten immer wieder ähnliche Leitmotive auf: experimentelles Shirting, Tailoring mit Twist, modulare, tragbare Konstruktionen. Berlin blieb zudem politischer als viele andere Modewochen – weniger als plakativer Slogan, eher als unterschwelliger Kommentar. Sezgin Kivrim setzte etwa mit einer stillen, wiederholten Geste (Haare flechten) ein Statement, das länger nachwirkte, gerade weil es ohne Pathos auskam.
Auch einzelne Berliner Handschriften schärften sich: Haderlump wirkte erwachsener und kommerziell klarer, ohne die urbane Kante ganz zu verlieren; GmbH und Richert Beil standen sinnbildlich für die Fähigkeit, Club- Ästhetik und Schneiderhandwerk nebeneinander zu stellen. Orange Culture brachte Farbe und Bewegung ins Programm und erinnerte daran, dass „Berlin“ nicht nur in Schwarz, Grau und Ironie stattfindet. Die größte Baustelle bleibt strukturell. Berlin wirkt kreativer denn je, aber die Frage nach Industrie-Anschluss kommt jede Saison wieder: Wie viele dieser Kollektionen enden in verlässlichen Orders, wie viele im Applaus? Die Fashion Week kann das nicht allein lösen, aber sie kann ihr Profil schärfen: weniger Streuung, mehr kuratorische Konsequenz, damit die stärksten Stimmen nicht im Programmrauschen untergehen. Genau daran wird sich der nächste Winter messen lassen.



