Marzahn neu gelesen – Dorfanger, Streetart und oktogonale Träume

Berlin. Marzahn wird oft auf Platte und Randlage reduziert. Einst als größtes Neubaugebiet Europas für Hunderttausende geplant, ist es heute einer der grünsten Stadtteile Berlins. Wer den SkyWalk oder Wolkenhain besteigt, erlebt, wie die strengen Geometrien der 1980er Jahre organisch mit dem weiten Panorama der Landschaft verschmelzen. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die den besonderen Stadtvibe ausmacht: historischer Dorfanger, Plattenbauten, Bockwindmühle, Industrie, Kultur. Marzahn hat sich sichtbar gewandelt – von der reinen Schlafstadt zum hybriden Kiez.
Das Herz der Marzahner Promenade – mehr als nur Kultur
Das Freizeitforum Marzahn (FFM) wurde 1991 eröffnet – geplant noch zu DDR-Zeiten von Wolf-Rüdiger Eisentraut. Nach der Wende stand der Rohbau zur Disposition: Autohaus oder Einkaufszentrum? Statt Abriss entschied man sich für die Fertigstellung. Heute vereint der Komplex Veranstaltungssäle, Schwimmhalle und Sporthalle – ein multifunktionales Konzept als Dienstleistungszentrum und demokratisches Wohnzimmer zugleich. Herzstück ist der Arndt-Bause-Saal: Seine oktogonal gefaltete Deckenkonstruktion prägt nicht nur die Akustik, sondern rahmt auch das rund 400 Quadratmeter große Deckengemälde „Der Morgen, der Tag, der Abend, der Traum“. Relikte wie der Kronleuchter oder auch Scheinwerfer aus dem Palast der Republik bewahren eine seltene Geschlossenheit ostdeutscher Raumkunst.
Dass das Haus noch existiert, ist keine Selbstverständlichkeit: Von einst rund 2.000 Kulturhäusern in Ostdeutschland existiert nur noch ein Bruchteil. In Marzahn sicherte vor allem die Mehrfachnutzung das Überleben: Theater, Tanzschule, Bibliothek – und die Bezirksverordnetenversammlung, die hier als einzige in Berlin extern tagt. Dennoch kämpft das FFM mit typischen Problemen: ein überwiegend älteres Publikum, knappe Budgets. Neue Formate – Anime-Konzerte von Dreamlight Labs, Live-Shows mit Sebastian Klusmann (jeweils direkt ausgebucht!) und Kinderprogramme – sollen verjüngen, während etablierte Stars und klassische Formate Stabilität sichern.



Zeitinsel – Ländliche Idylle im Schatten der Giganten
Alt-Marzahn überrascht als architektonische Zeitkapsel. Statt Beton dominiert hier ein mittelalterlicher Dorfkern. Erstmals um 1300 urkundlich erwähnt, hat sich der ovale Anger mit Kopfsteinpflaster, Feldsteinkirche und niedrigen Bauernhäusern bis heute bewahrt – das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Unmittelbar angrenzend befindet sich der Marzahner Krug, eines der ältesten Gasthäuser Berlins, mit einem abgeschirmten Biergarten. Das Team um Familie Rohloff übernahm das Wirtshaus aus dem 19. Jahrhundert ausgerechnet während der Pandemie – ein Wagnis, das von tiefem Vertrauen in die lokale Beständigkeit zeugt. Rustikale Gemütlichkeit und nostalgische Akkordeonklänge treffen hier auf kuriose Details wie digitale Kaminfeuer-DVDs. Der Krug setzt auf persönliche Verbindlichkeit statt Massenabfertigung. Touristen verirren sich hierher. Für viele Berliner und Brandenburger ist der Krug vor allem eines: ein verlässlicher Treffpunkt.
Nur wenige Schritte weiter erhebt sich die Bockwindmühle, Wahrzeichen des Bezirks und im Wappen verewigt. Die heutige Version von 1994 – bereits die vierte seit 1815 – ist ein technisches Unikat: Sie verbindet historisches Handwerk mit moderner Windkraftsensorik. Wer hier Mehl direkt vom Müller kauft, unterstützt den Erhalt. Dieses „Dorf in der Stadt“ ist mehr als eine pittoreske Kulisse: Es bleibt ein lebendiger, funktionaler Raum. Viele Berliner wissen kaum von seiner Existenz. Alt-Marzahn bewahrt sich so als ›Zeitinsel‹ seine eigenständige, fast dörfliche Welt.
Galerie M – Offenes Konzept statt elitärem Auswahlverfahren
Marzahn liefert Stoff für Bestseller – und die Galerie M liefert den Raum dafür. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte sie jüngst als Kulisse für den ZDF-Vierteiler „Marzahn, mon amour“: Die Galerie wurde temporär zur Fußpflege-Praxis – Hommage an die literarische Vorlage über den Kiez-Alltag. Als Verein schafft die Galerie M eine niedrigschwellige Plattform für Profis wie Autodidakten. Beim jährlichen „Betonfuchs“ erhält jedermann eine Ausstellungsfläche – und freie Hand: Vier Wochen hängen Malerei, Fotografie oder Plastik öffentlich, das Publikum stimmt ab. Der Sieger erhält eine Geldprämie sowie die namensgebende Skulptur, die das Baumaterial des Bezirks ironisch zum Kunstobjekt adelt.
Neben diesem offenen Konzept gibt es kuratierte Themenreihen. Rund 56 Projekte entstehen jährlich – ohne dauerhafte Senatsförderung, getragen von projektgebundenen Mitteln und ehrenamtlichem Engagement. In einem kulturell oft unterschätzten Bezirk behauptet sich die Galerie M als experimentierfreudiger Ort mit lokalem Anspruch. Sie widmet sich konsequent der „Marzahner Melange“ mit Alltagschronik und künstlerischem Anspruch. Der Bezirk beweist, dass Platte und Poesie, Alltag und Ambition nebeneinander bestehen können – und genau das macht seine Faszination aus.



