Heldenprofil

Saint-Tropez als Basis, Berlin als Bühne – zwischen Farbe und Sinnlichkeit

Stefan Szczesny, 1951 in München geboren, zählt zu den prägenden Figuren der Neuen Wilden, jener Bewegung, die in den 1980er-Jahren die expressive, figurative Malerei wiederbelebt hat. Seine Werke – farbintensiv, sinnlich, lebensbejahend – feiern Schönheit und Form, weniger Bruch und Kritik. Zwischen Saint-Tropez und Berlin erschafft er Bilder, Skulpturen und Keramiken, die Ästhetik über Konzept stellen – ein Bekenntnis zur Lust am Sichtbaren in einer zunehmend verkopften Kunstwelt.

„Ich will doch was ganz anderes“

Als einer der Hauptakteure der Neuen Wilden haben Sie der kühlen Konzeptkunst sinnliche Malerei entgegengesetzt. Was war der Auslöser?

Nach meiner Zeit auf der Akademie für angewandte Kunst in München war ich stark beeinflusst von meinem Lehrer Günther Fruhtrunk und der gegenstandslosen Kunst. Damals erschien mir das logisch und zwingend. Dann bekam ich ein DAAD-Stipendium in Paris, und als ich im Louvre vor einem Delacroix-Werk stand, merkte ich: Ich will etwas ganz anderes. Ich wollte Kunst, die mit Kunstgeschichte, mit dem Leben, mit Musik – einfach mit allem – zu tun hat. Also begann ich, mich zu lösen und wieder figurativ zu arbeiten.

Die Ausstellung ›Rundschau Deutschland‹ war der Auftakt der Bewegung der Neuen Wilden in der Öffentlichkeit. Welche Gründe standen hinter Ihrer Entscheidung – war es Trotz, Mut oder Neugier?

Zurück in Deutschland fragte ich mich, ob ich mit dem, was ich jetzt malen wollte, allein war. Also bin ich herumgereist, habe Kollegen besucht und schnell gemerkt, dass viele an einem ähnlichen Punkt standen. Da habe ich für uns beschlossen: Wir machen eine Ausstellung! Die ›Rundschau Deutschland‹in der Fabrik in München. Es ging uns um die Rückkehr zur Malerei, um expressive, figurative, und auch provokante Kunst. Ich lud Künstler aus Berlin, Hamburg und Köln ein, dazu ein paar verstreute Weggefährten – darunter Martin Kippenberger. Alle kamen mit dem Zug, meist mit dem letzten Groschen in der Tasche, brachten ihre Bilder mit – und wir haben eine Woche lang genagelt, angehangen. Albert Oehlen hat mit dem Hammer ein Porträt von Franz Josef Strauß in die Mauer geschlagen. Das Ganze verknüpfte sich mit der Musikszene, war so halbpolitisch. Es war eine völlig verrückte Zeit.

Eine Ausstellung, die über Nacht bekannt wurde, ausverkaufte Bilder und der Beginn einer neuen Ära für Ihre Kunst. Wie haben Sie diese plötzliche Aufmerksamkeit erlebt?

1979/80 habe ich die Zeitschrift ›Maler über Malerei‹ herausgegeben, das Dumont-Buch gemacht und dem Ganzen sozusagen eine Form gegeben. Ich wollte eine Plattform schaffen, die Malerei wieder ins Zentrum rückt – laut, bunt, kontrovers. Und dann passierte etwas Unglaubliches: Die Ausstellung war über Nacht bekannt – als hätte jemand ein Geheimnis verbreitet. Wir konnten es uns gar nicht erklären: Zur Eröffnung kamen rund 500 Leute, und ein paar Stunden später war alles ausverkauft. Max Hetzler war da und viele weitere Galeristen. Unser Katalog wurde dreimal nachgedruckt, insgesamt 14.000 Exemplare. Die gingen bis nach New York und Japan. So etwas habe ich nie wieder erlebt. Und gleichzeitig hatte ich eine Ausstellung bei Six Friedrich und Sabine Kust in der Maximilianstraße – auch dort, alle Bilder verkauft!

Wir hatten kaum Mittel, standen an einem unscheinbaren Ort am Ostbahnhof in München – und plötzlich war eine ungeheure Energie da. Es war einfach die Zeit, der Moment. Dann kam Kasper König, sagte: ‚Ich mache gerade in Köln die ›Westkunst‹ – ich nehme eure Ausstellung mit rein.‘ Das war der i-Punkt. Danach schrieben alle Zeitungen darüber, ich habe heute noch zwei Aktenordner voller Berichte. Und das war der Beginn – ab da konnten wir von unserer Kunst leben.

Die frühen Jahre der Künstlergruppe waren geprägt von Energie, Experimenten und unerwarteten Wendungen. Wie wurden dabei Ihre künstlerische Entwicklung und die Dynamik der Gruppe geprägt?

Das war unglaublich. Wir haben fünf Jahre lang gemeinsam Ausstellungen gemacht – überall, landauf, landab. Dabei passierten die verrücktesten Dinge: 1981 kam Toni Shafrazi, der Händler von Jean-Michel Basquiat, zu mir ins Atelier. Er kaufte 15 Bilder, sein Assistent wickelte sie auf eine Teppichrolle, und am nächsten Tag stand ein irrer Betrag auf meinem Konto. Das fühlte sich wirklich wie im Märchen an. Danach gab es keinen Rückschlag mehr. Die ursprüngliche Gruppe verkleinerte sich; nicht mehr alle der 27 Teilnehmer waren dabei. In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Gruppenausstellungen in unterschiedlichen Variationen, oft auch mit neuen Künstlern. Schließlich fanden alle ihren Galeristen und gingen ihren eigenen Weg.

Sie sprechen von den unterschiedlichen Karrierewegen der Gruppe. Wie erklären Sie sich, dass nur wenige international erfolgreich wurden und andere ganz den Anschluss verloren haben?

Die Lebensläufe der Kollegen verliefen sehr unterschiedlich. Einige hatten durch Galeristen Erfolg, wie Salomé mit ihrem Senkrechtstart bei Bischofsberger. Und nach drei Jahren ist sie dann wie eine Rakete wieder abgestürzt, weil er sie nicht mehr für gut befand. Er hat sie rausgesetzt und sie hat dann keinen Anschluss mehr gefunden. Heute sind nur noch wenige aktiv, etwa Jiri Georg Dokoupil oder Rainer Fetting, die ein großes Gewerk geschaffen haben. Andere arbeiten gar nicht mehr; manche sind verstorben, wie Kippenberger oder Walter Dahn. Von der ursprünglichen Gruppe wurden nur drei bis vier international erfolgreich. Die anderen haben auch nie so richtig über den Tellerrand hinausgeguckt. Ich selbst habe viele Ausstellungen in Museen und Galerien in Europa und in Amerika gehabt, in New York, Cicago, Miami und meine größte im Palais de Papes in Avignon.

„Dieses südliche Lebensgefühl, pure Energie!“

Villa Massimo, Rom, Archäologie, mediterranes Lebensgefühl – all das taucht immer wieder in Ihren Werken auf. Welche Ihrer Visionen tragen diesen Einfluss bis heute weiter?

Rom war schon immer nah an der Kunstgeschichte. Während meines Archäologie-Studiums habe ich Ausgrabungen und Artefakte gezeichnet. Diese Nähe zur Antike, zu den Ausgrabungen, die ich besucht habe, hat meine Bildsprache weit geöffnet – die Formen, die Farben, das Lebensgefühl der Italiener, das mediterrane Licht.

Rom hat mir gezeigt, wie sehr Orte Kunst prägen können. Deshalb arbeite ich bis heute ortsbezogen weiter. Alle meine Bilder haben auch etwas Biographisches. Deshalb haben wir in der Szczesny Factory Publishing die Picturebook-Serie aufgelegt. Die große Monographie ist ein Rückblick auf die Plätze, an denen ich gelebt und gearbeitet habe und die mich weltweit inspiriert haben.

Sie haben in den großen Städten dieser Welt ausgestellt – unter anderem in New York, Berlin, Paris, Venedig. Gibt es Expositionen, die Ihnen heute noch sehr am Herzen liegen?

Meine größte Ausstellung war im Palais des Papes in Avignon auf 18.000 Quadratmetern – derselbe Ort, an dem Picasso seine große Ausstellung hatte. Und ich habe meine Bilder an seine Nägel gehangen, da keine neuen Löcher erlaubt waren. Das empfand ich als große Ehre. Die Vorbereitung war langwierig und anspruchsvoll; ein wahres Mammutprojekt. Die Ausstellung lief dann den ganzen Sommer.

In Deutschland habe ich an allen wichtigen Häusern ausgestellt: Kunsthalle Mannheim, Kunsthalle Bremen, Kunsthalle Köln, Badisches Landesmuseum, Haus am Lützowplatz in Berlin, Lenbachhaus in München – überall gibt es Kataloge und Bücher dazu. Meine erste Retrospektive fand im Rheinischen Landesmuseum in Bonn statt, damals noch Bundeshauptstadt. Neben Avignon war mein Gesamtkunstwerk auf der Insel Mainau eines meiner umfangreichsten Projekte.

„St. Tropez ist mein Herz, Berlin mein Gegenüber“

Sie sind zwar kein gebürtiger Berliner, aber eng mit Berlin verbunden. Was bedeutet Ihnen unsere Stadt?

Mich verbindet unglaublich viel mit Berlin. Schon durch die Geschichten meines Vaters, der hier studiert und lange gelebt hat. Ich selber komme aus München und war viele Jahre in Köln. Nach dem Mauerfall zog jedoch die gesamte Künstlerszene hierher, und inzwischen sind auch meine Freunde aus Köln, Düsseldorf, Hamburg oder München alle hier gelandet. Ich selbst bin seit vielen Jahren auf Berlin fixiert: Ich hatte etwa sieben Jahre lang ein Atelier und die Szczesny-Factory in Alt-Moabit, habe hier Projekte und Ausstellungen umgesetzt. In keiner anderen Stadt habe ich so viel realisiert.

St. Tropez ist mein Herz, Berlin mein inspiratives Gegenüber. Wenn ich vom Mittelmeer aufbreche, will ich dahin, wo es richtig pulsiert. Drei-, viermal im Jahr bin ich hier, erledige Dinge, die in meinem ländlichen Zuhause schwer machbar sind – Farben kaufen, Arzt, Friseur, Leute treffen. Ich arbeite mit meinem Freund Markus Herbicht an verschiedenen Projekten, wie dem umfangreichen ›Schmelzwerk‹ in den Sarotti-Höfen, einer Event-Location, die wir mit meiner Kunst ausgestalten. Es gibt viele Gründe, die mich immer wieder nach Berlin führen.

Großformatige Installationen gehören zu Ihren Spezialitäten. Wo haben Sie ein monumentales Werk im Herzen Berlins geschaffen?

Was ich besonders hervorheben würde: Im Lindencorso (heute DRIVE VW) habe ich mit ›Paris Berlin‹ das größte Deckengemälde der Nachkriegszeit gestaltet – für die Besucher jederzeit zugänglich. 86 Quadratmeter habe ich mit einem Liniengeflecht bemalt, das die Wahrzeichen beider Hauptstädte verbindet. Ich liebe dieses farbige Chaos, weil es den Raum so lebendig macht. Da fahren auch Rolltreppen durch das Bild und ein Lift.

Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut: Zwei Jahre haben die Vorbereitungsarbeiten gedauert. Im Kölner Atelier wurden die Grundlinien auf acht Meter langen und 1,20 Meter breiten Transparentpapierbahnen mit Kohle vorgezeichnet, anschließend an die Decke pausiert und danach farbig ausgefüllt. Es war ein Statement für hochwertige Architektur- und Kunstintegration.

Sie leben seit 25 Jahren in Südfrankreich. Wieso St. Tropez?

Ich fühlte mich schon immer vom mediterranen Raum angezogen. Meine Eltern besaßen zunächst ein Haus auf der Insel Elba in Italien. Ein Freund meines Vaters riet ihnen später, nach Südfrankreich zu gehen – nach La Croix-Valmer, nur zehn Kilometer von St. Tropez entfernt, wo mein Vater 33 Jahre gelebt hat. Und ich selbst habe bereits vor rund fünfzig Jahren in St. Tropez gearbeitet. Das ist bis heute mein eigentliches Zuhause.

„Vorsicht bei der Berufswahl“

Erfolg kommt selten ohne Herausforderungen. Was würden Sie anderen Künstlern – oder auch Unternehmern – mit auf ihren Weg geben?

Ich würde sagen: Vorsicht bei der Berufswahl. Reines Talent allein reicht nicht aus – man braucht mehrere Fähigkeiten, um sich durchzusetzen. Künstlerisches Können ist nur ein Teil davon; man muss sich auch vermitteln können und ein Gespür für geschäftliche Entscheidungen haben. Und man muss natürlich auch extrem fleißig sein und ein ziemliches Durchhaltevermögen haben.

Man muss als Künstler eben auch bereit sein zu investieren. Man gerät immer wieder in finanzielle Engpässe, aber man muss an den richtigen Punkten sagen: ‚Das machen wir, das drucken wir, das realisieren wir.‘ Viele kommen da überhaupt nie an. Wenn ich es proportional ausdrücke: von 100.000 bleibt vielleicht einer übrig – so in etwa das Verhältnis.

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung – Sie kennen beide Seiten. Welche besonderen Erlebnisse bleiben Ihnen bis heute unvergesslich?

Meine Beharrlichkeit, an einer Sache dranzubleiben, hat mir schon oft geholfen. Viele Kollegen knicken da einfach ab. Eine schöne Geschichte dazu: Ich habe mit Hendrik teNeues, dem großen Verleger, mal das Buch ›Mustique – A Private Island‹ gemacht – mit meinen Bildern und Akten. Es wurde in London bei Christie’s vorgestellt, einem weltweit führenden Auktionshaus für Kunst und Luxusgüter. Kurz darauf rief mich Christie an und sagte: ‚Können wir dazu nicht eine Ausstellung machen? Uns gefallen die Arbeiten so gut.‘

Daraufhin fragte ich meine Galeristen, ob sie die Aquarelle rahmen und für eine Abendpräsentation nach London bringen wollten – ein riesiger Aufwand. Keiner wollte es machen. Also habe ich zu meinem damaligen Assistenten gesagt: ‚Komm, wir machen das selbst. Wir rahmen die Bilder, mieten einen VW-Bus und fahren hoch.‘ Wir haben alles alleine aufgehängt. Es war ein toller Abend, tolle Leute – aber rein gar nichts verkauft.

Ein paar Tage später wieder zu Hause kam eine E-Mail: ‚Gibt es noch etwas von den Arbeiten bei Christie’s?‘ Da musste ich antworten, dass alle noch da seien. Fünf Minuten später kam ein Anruf: Alles verkauft! Und das habe ich natürlich dann meinen Galeristen erzählt. Die konnten die Welt nicht mehr verstehen.

Manche Sätze bleiben ein Leben lang – als Motto, Mahnung oder Motor. Welcher ist Ihrer?

‚Ich arbeite beharrlich. Ich höre nicht auf, bis das Projekt steht – egal wie lange es dauert und wie viele Leute Nein sagen.‘ – Christo, der hat auch nicht aufgegeben. Diese Haltung begleitet mich mein Leben lang – sie ist der Grund, warum ich mich durchgebissen habe. Ich habe bei Gemeinschaftsausstellungen so viele Diskussionen erlebt, und oft haben einige einfach aufgegeben. Ich dagegen habe meine Projekte durchgezogen, bis sie standen.

Ohne diese Beharrlichkeit braucht man gar nicht erst anzutreten. Das Problem ist, dass so etwas an den Akademien kaum vermittelt wird. Dort bleibt vieles einseitig, aber eigentlich müsste man auch Betriebswirtschaft oder Marketing lernen – so wie etwa in Amerika.

Am Ende geht es darum, niemals aufzuhören, an die eigene Arbeit zu glauben. Es macht Freude, zurückzublicken.