60 Jahre ITB – zwischen Boom und Unsicherheit
Berlin. ›60 Years of ITB‹: Seit 1966 ist die Tourismusmesse zentraler Branchentreffpunkt – einst Nische, heute globale Macht. 2026 war sie vollständig ausgebucht mit 5.601 Ausstellern aus 166 Ländern. Während Gastland Angola den „Rhythm of Life“ zelebrierte, unterstrich die Präsenz von Krisenregionen wie Ukraine und Israel die politische Relevanz der Plattform. Der World Travel Monitor® zeigt: +4 Prozent bei Auslandsreisen, Sun-&-Beach dominiert, MICE-Reisen wachsen, Nordamerika stagniert. Also nachhaltiger Aufschwung – oder nur flüchtiger Boom?

With Ups and Downs – Verletzlichkeit der Branche
Sicherheit, Vertrauen und menschliche Verbindung – drei Säulen des Reisens, die auf der ITB Berlin 2026 so stark erschüttert wurden wie selten zuvor. Die Messe, die ihr 60-jähriges Jubiläum feiern wollte, geriet in den Schatten eines eskalierenden Nahost-Konflikts: US- und israelische Angriffe auf den Iran sowie iranische Vergeltungsschläge gegen Golfstaaten und Israel lösten massive Luftraumsperrungen aus. Tausende Touristen strandeten in Hotels, an Flughäfen und auf Kreuzfahrtschiffen. Erste Rückholflüge nach Europa verliefen sicher, doch die meisten Reisenden warten weiter. Prognosen bleiben entsprechend vorsichtig: Tourism Economics rechnet, je nach Dauer der Krise, mit einem Rückgang der Buchungen um 1 bis 27 Prozent – ein Kontrast zum erfolgreichen 2025 und dem starken Jahresstart 2026.
Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit oder Digitalisierung fanden vor diesem Hintergrund weniger Aufmerksamkeit als sonst. Anders die ›ITB Innovators‹ mit ihren zahlreichen KI-basierte Lösungen – von automatisierten Hotelprozessen bis zu personalisierten Reiseangeboten. Roboter am Empfang und im Zimmerservice gelten nicht mehr als Zukunftsmusik, sondern als nächste logische Stufe. Parallel wächst ein Marktsegment weiter: Luxusreisen. Grand View Research erwartet bis 2033 jährliche Zuwächse von über acht Prozent, wobei Luxus sich neu definiert – als leiser Rückzug, Ruhe und Individualität. Die Branche hat schon Golfkriege, Terror und Corona überstanden. Dennoch: Beweist sie hier echte strategische Ausrichtung – oder verwandelt sie lediglich jede Krise in das jeweils nächste Geschäftsmodell?

Neben der Messe blüht das Netzwerk – Erlebnisse statt Exposé
Die ITB Berlin lebt nicht nur vom Messebetrieb. Empfänge in Botschaften oder Landesvertretungen gehören für viele Branchenvertreter ebenso fest zur ITB-Woche wie die Termine in den Hallen. Solche Side-Events sind mehr als nur gesellige Abende: Sie dienen als diplomatisches Instrument, um Tourismus in bilateralen Beziehungen zu verankern. In repräsentativen Räumen entstehen Formate, die am Messestand kaum realisierbar sind – kulturelle Darbietungen, landestypische Kulinarik oder politische Grußworte. Zugleich bieten sie Raum für gezieltes Networking mit mehreren hundert Gästen. Die Gästelisten sind meist kuratiert; die Teilnahme setzt in der Regel vorherige Registrierung oder eine persönliche Einladung voraus.
Ein Beispiel ist der Empfang ›Incredible India‹ in der Embassy of India in Berlin. Dort präsentierte sich Indien als transformative Destination: Yoga und Ayurveda, Himalaya-Trekking, Safaris sowie UNESCO-Stätten wie der Taj Mahal. Parallel investiert Indien in die touristische Infrastruktur – neue Flughäfen, schnellere Verkehrsverbindungen (etwa durch den Hochgeschwindigkeitszug Thar Barat) und vereinfachte eVisa. Ziel ist eine stärkere Positionierung als vielfältiges Reiseziel für Kultur, Wellness und Luxus sowie die Förderung von Wiederholungsbesuchen. 2026 ergänzten eine Netflix-Partnerschaft mit Tourismus-Filmen und Holi-Elemente die Kampagne, um Screen-Tourism und Festivals erlebbar zu machen. Deutschland gilt mit rund 260.000 Besuchern im Vorjahr als wichtiger Quellmarkt. Der Zugang bleibt begrenzt: Interessierte sollten NTO-Newsletter und LinkedIn-Hashtags frühzeitig abonnieren.

Von Rekorden und Realitäten – Inland boomt, Ausland hinkt
„Discover the stories behind 60 years of legacy“: Deutschland präsentierte sich als vielfältiges Reiseziel in unsicheren Zeiten. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) koordinierte auf 975 m² die Präsenz von 14 Bundesländern, Schleswig-Holstein und das Saarland verzichteten erneut auf eigene Landesstände. Zwar ist dieser Rückzug aus strategischer Sicht – getrieben durch Budgetoptimierung und Digitalisierung – rational nachvollziehbar, dennoch mindert er die geschlossene Strahlkraft des Standorts Deutschland. Die Bundesländer bündelten ihre Angebote von der Küste bis zu den Alpen, ergänzt durch Partner wie Deutsche Bahn und Flughäfen. Der Hub blieb strikt B2B-orientiert: Während Berlin den Zugang zu seinen Kultur-Highlights nur per Einladung gewährte, fungierte der restliche Bereich als effizienter Marktplatz für internationale Buyer – Exklusivität mit spürbaren Barrieren.
Bayern setzte einen Kontrapunkt: Mit einer auf 470 m² vergrößerten Fläche und über 30 Partnern demonstrierte der Freistaat nach dem Rekordjahr 2025 (102 Mio. Übernachtungen) enorme Präsenz. Neben Klassikern wie den Alpen rückten verstärkt mittelalterliche Städte in Franken und Bayerisch-Schwaben sowie wasserreiche Regionen jenseits der Alpenränder in den Fokus. Während der deutsche Gast (80 %) dominiert, richtet sich der Blick zunehmend auf internationale Märkte, 2026 insbesondere die Niederlande. Ziel ist, Bayern als Primärdestination für Familien und Spontanreisende zu positionieren. Wer die ITB voll erleben will, kommt besser an Tag 1 oder 2; ab Mittag Tag 3 ist Abbau-Modus. Offizielles Partnerland der ITB 2027 ist der Inselstaat Malediven. ›Visit Maldives Year‹ wird auf nachhaltigen Tourismus setzen.



