Kunstszene

Die Stadt im Detail – das Multiversum von deerBLN

Während viele Urban Artists vor allem sprayen oder pasten, geht Christian Rothenhagen (deerBLN) weiter: Er zeichnet, schreibt, kuratiert und interveniert zugleich. Mit chirurgischer Präzision dokumentiert er in seinen architekturzentrierten Arbeiten den Wandel – den Moment „bevor er verschwindet“. Feine Zeichnungen, konzeptuell aufgeladenen Bildwelten und Installationen halten fest, was Gentrifizierung verdrängt. Wir blicken hinter die Kulissen eines Künstlers, der Kuratieren als soziale Plastik begreift und so die schwindenden Nischen der Stadt bewahrt.

Architektur statt Dekoration – Grenze zwischen Werk und Ware

Berlin. Christian Rothenhagens (53) Werdegang liest sich wie ein Gegenentwurf zur klassischen Künstlerkarriere. Statt Akademie und Galerienkarussell baute er erst Möbel, studierte Sozialpädagogik, arbeitete als Grafikdesigner, bevor er schließlich zum multidisziplinären Künstler ›deerBLN‹ wurde. Seine Arbeiten – präzise Zeichnungen, Malereien und Installationen – fokussieren radikal auf Architektur: keine menschliche Staffage, keine narrativen Elemente, keine Ablenkung. Er baut Erinnerungen ein, ohne sie dem Betrachter vollständig zu erklären. Es sind seine „persönlichen Momente“ – Orte, an denen er sich verliebte, jemand starb oder sich ganze Stadtteile erklären ließen.

Geprägt von der Wendezeit mit Club- und Galerieboom der 1990er Jahre richtet er den Blick auf Orte im Verschwinden. Abgerissene Gebäude, wie das Ahornblatt verdrängte Hinterhof-Galerien oder gar der Palast der Republik erscheinen als Marker eines strukturellen Wandels. Für ihn ist die Darstellung geschichtsträchtiger Orte eine Auseinandersetzung mit Identität, nicht mit Ästhetik. Er hält fest, was im Prozess der Grundsanierung und Modernisierung verloren geht, und erhebt den architektonischen Moment zum schützenswerten Gut. Dabei zieht er eine klare Grenze zum Kommerz: Lukrative Anfragen für touristische Motive wie das Brandenburger Tor lehnt er ab – für ihn markiert dies den Übergang von Kunst zu bloßer Dekoration. Er weigert sich, seine künstlerische Seele an den Massengeschmack zu verkaufen. In einer Stadt, die viele ihrer Mythen längst an Investoren verkauft hat, bleibt Rothenhagen einer der wenigen, die noch Widerstand leisten – indem er einfach weiterzeichnet und festhält, was verschwindet.

Die Handschrift des Künstlers deerBLN – filigrane Linienführung und reduzierte Kompositionen, Foto: © Christian Rothenhagen
Kein Licht ohne Schatten – bis der Vorhang fällt

1994 landete Christian Rothenhagen als frischgebackener Abiturient in San Francisco – nicht wegen Kunst, sondern wegen Skateboarding. Die Mutterstadt des Street-Skatens öffnete ihm sofort Türen zu einem kreativen, internationalen und unabhängigen Umfeld. Dreißig Aufenthalte, oft monatelang, prägten. Was als Subkultur-Abenteuer begann, entwickelte sich zur künstlerischen Parallelwelt: Nach ersten Ausstellungen kurz nach der Jahrtausendwende folgten zahlreiche weitere, darunter 2008 ›Vehicles of Emancipation‹ des Künstler-Kollektivs OYSTER PIRATES in der renommierten Varnish Gallery und 2022 die von ihm initiierte sowie kuratierte Schau „THREE“ dreier großer Künstler (Zoe Ani, SF | Jen PROPS Larkin, NYC | Christian Rothenhagen, Berlin) in der imposanten Midway Gallery. Im November 2024, am Tag seiner Solo-Vernissage und des 30-jährigen Jubiläums, endete diese Symbiose abrupt: Aufgrund der politischen Umstände in den USA will Rothenhagen vorerst nicht mehr einreisen. Freunde, Galeristen und Verbindungen aus drei Jahrzehnten bleiben zurück – ein Verlust, den er als „weggebrochene Geschichte“ beschreibt. Was bleibt, wenn eine lebenslange Verbindung zerreißt?

Das einzigartige Licht der Stadt! Nirgends sonst ist es so intensiv in Kontrasten und Schatten. Es veränderte seine Bildsprache nachhaltig: knallige Farben durchbrechen seither die gedeckte, melancholische Palette und verleihen seinen Arbeiten eine zusätzliche Tiefe. Für Rothenhagen sind Berlin und San Francisco Enklaven: offener und internationaler als ihr jeweiliges Land, Gegenpol und Spiegel zugleich.

In San Francisco zu Hause fern von Zuhause – zeichnerisches Universum zwischen Begegnungen und Fassadenkunst, Fotos: © Christian Rothenhagen
Für immer ist morgen vorbei – Pixel-Perfektion und Kiez-Empathie

deerBLN hat sich in der Urban-Contemporary-Szene etabliert – als Künstler, Kurator, Autor und Projektinitiator. Mit der von ihm mitgegründeten FKKB Gallery und dem kollaborativen Format der ›1QM-Artshow 2025‹ überschreitet er bewusst Genregrenzen: Dabei gestalten Künstler ihre Werke auf von ihm vorgegebenen, exakt einen Quadratmeter großen Holzpanelen. Dieser Ansatz zeigt einen Kurator, der bewusst Macht abgibt, um Neues zu ermöglichen. Neben Ausstellungen prägt Schreiben sein Schaffen. Während des Corona-Lockdowns 2022 entstand in sechs Wochen ein Manuskript mit 19 Kapiteln, das nie als Buch geplant war. Heraus kam „Für immer ist morgen vorbei“ – ein persönliches Werk, in dem der Künstler mit seiner Vergangenheit abrechnet. Nicht alles blieb stehen: Seine Mutter war seine erste Lektorin, manche Passagen wurden entschärft oder ganz gestrichen. Menschen, die ihn verletzt hatten, bekamen bewusst keine Bühne mehr. Heute organisiert Rothenhagen Lesungen im eigenen Atelier und schreibt Kolumnen für die taz, in denen Alltagsbeobachtungen und leise politische Reflexionen ineinanderfließen.

Hinter dem ironisch geprägten „Pixel-Nazi“-Image – geboren aus seinem Hang zu grafischer Strenge und Perfektionismus – steht ein Mensch mit großem Herzen. Seit Jahren leitet er im Nachbarschaftstreff HUZUR monatliche Zeichen-Kurse für Seniorinnen und realisierte mit ihnen zwei großformatige Wandbilder – auf 10 bis 12 Metern Länge werden Lebensgeschichten von Bauernhöfen bis zum Prenzlauer-Berg-Wasserturm erzählt. Diese Projekte verkörpern seine Praxis der Teilhabe und Vermittlung. Als multidisziplinärer Akteur begreift er Berlin als kulturelle Schlüsselstadt, deren Identität und Offenheit zunehmend unter Druck gerät. Für Rothenhagen bleibt Kunst ein widerständiges Medium: integer und unbequem.

www.deerblnstudio.com