Heldenprofil

Träume kennen kein Alter – ein unglaubliches Comeback

„Der Applaus in Paris wirkt noch nach“ – es gibt Geschichten, die leise beginnen und in einem einzigen Augenblick die Welt für einen Moment anhalten lassen. Mit 57 Jahren debütierte Anja Kossiwakis gerade auf der Pariser Fashion Week. Kaum jemand ahnt, welche ungewöhnliche Reise diese Frau hinter sich hat. Wir treffen Anja in einem kleinen Café in Wiesbaden. Sie lächelt, als sie zu erzählen beginnt – und plötzlich entfaltet sich ein Leben, das von Mut, Wendepunkten und einer unerschütterlichen Liebe zur Mode getragen wird.

„Ich kann es immer noch nicht fassen“


Anja, die Welt feiert gerade die Schlagzeile ›Von Bitterfeld nach Paris‹. Was genau ging dir durch den Kopf, als du zum allerersten Mal in Paris über den Laufsteg gelaufen bist?

Es war surreal. Ich stand dort im Musée de la Chasse et de la Nature, trug dieses atemberaubende Outfit der ukrainischen Designerin Elmira Polyayeva – und plötzlich jubelten alle. Ich dachte nur: Wie bin ich hier gelandet? Und dann wurde mir klar: Das ist der Moment, auf den mein Leben mich vorbereitet hat. Auch wenn ich das nie geplant hatte.


Deine Modelkarriere begann vor mehr als vier Jahrzehnten – lange bevor es Social Media gab und unter ganz anderen Bedingungen als heute. Wie hat alles angefangen?

Ganz unspektakulär – in der DDR, vor genau 41 Jahren. Im Schaufenster eines Modeladens entdeckte ich einen kleinen Zettel: „Der Verlag der Frau sucht Fotomodelle.“ Ich hatte ein schönes Foto von mir und bewarb mich einfach. Im Februar 1985 wurde ich zu Probeaufnahmen eingeladen und in die Kartei aufgenommen. Zwei Jahre später folgte mein erstes Shooting. Nach der Arbeit in der Stadtsparkasse Dessau fuhr ich nach Leipzig. Die Moderedakteurin sah mich an und sagte: „Du brauchst kein Make-up. Du bist eine natürliche Schönheit.“ Was für ein schönes Kompliment.

Mein absolutes Highlight war später das Safari-Shooting auf einer Abraumhalde in Bitterfeld. Wir durften ja nicht ins Ausland reisen – also wurde mit purer Kreativität improvisiert: Wüsten-Look mitten im Chemiedreieck. Der Spiegel schrieb später dazu: „Es sieht aus wie in ›Jenseits von Afrika‹. Zum Glück ist es nicht so heiß: Das Safari-Modeshooting findet in der DDR statt.“ Als ich es dann mit einem Lamapullover auf mein drittes Titelblatt und sogar in die Sendung ›Vom Scheitel bis zur Sohle‹ schaffte, war ich sehr stolz. Diese Bilder haben mich geprägt und ich liebe sie bis heute.

„Das Leben hat noch Überraschungen für mich“


Der November 1989 war ein Wendepunkt für Millionen Menschen. In der Euphorie der neuen Freiheit mussten oft alte Träume weichen, um im neuen System erst einmal Fuß zu fassen. Wie hat das dein Leben verändert?

Komplett. Der 9. November 1989 veränderte mein Leben von einem Tag auf den anderen – und dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Auf einmal stand mir die ganze Welt offen. Schon am 10. November stieg ich in den Zug, und einen Tag später kam ich in meiner neuen Heimat Wiesbaden an. Meine Modelkarriere war erst einmal vorbei, doch die tiefe Faszination für die Mode ließ mich nie los.

Durch meine drei Kinder entdeckte ich die Liebe zur Fotografie neu; sie wurden meine ersten und absoluten Lieblingsmotive. 2010 teilte ich Fotos von der Berliner Fashion Week, die ich eigentlich nur aus reinem Vergnügen gemacht hatte – und plötzlich nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung: Stefan Schröder, damals Chefredakteur des ›Wiesbadener Kuriers‹, entdeckte meine Bilder auf Facebook und fragte, ob ich als Fashionbloggerin arbeiten möchte. Das war eine große Ehre – und ich sagte direkt zu.


Zwischen 2010 und 2020 hast du als Fashionbloggerin und Fotografin die großen Metropolen der Mode bereist und viele Ikonen der Branche getroffen. An welche Momente aus dieser aufregenden Phase erinnerst du dich besonders?

Oh ja, ab 2010 ging es dann auf einmal richtig los. Ich reiste zu den großen Fashion Weeks nach Paris, Mailand, New York, London und Berlin – ich war überall. Ich fotografierte Streetstyles, saß bei Chanel im Grand Palais, lernte Karl Lagerfeld backstage persönlich kennen. Mit einem Streetstyle-Shooting für Laurél startete meine erste eigene Fashion Week in Paris – einfach unglaublich und ich war unendlich dankbar für diese Chance.

Bis 2020 arbeitete ich als Fashionbloggerin und Fotografin für die Verlagsgruppe Rhein-Main und durfte zahlreiche Höhepunkte erleben: wie 2014 die Eröffnung der Jean Paul Gaultier-Ausstellung in London – Gaultier, das Enfant terrible der Mode, fasziniert mich mit seinen Kreationen – oder bei der Vogue-Konferenz ›Fashion of Forces‹, bei der ich eine Stunde lang direkt neben Anna Wintour saß. Gemeinsam mit der deutschen Chefredakteurin Kerstin Weng sprach sie über die Entstehung eines Vogue-Covers. Diese Begegnungen mit den großen Namen der Modewelt waren für mich immer wieder echte Wow-Momente.


Während andere mit Mitte 50 eher über den Ruhestand nachdenken, meldete sich bei dir 2023 jedoch einer der größten Kosmetikkonzerne – L’Oréal. Wie war es für dich, Teil einer globalen Kampagne neben den Topmodels der Branche zu werden?

Das war für mich wirklich unglaublich. Mein heutiger Manager Frank Kuhlmann hatte mich zum ersten Mal angesprochen und vermittelte mir wenig später eine internationale L’Oréal-Kampagne. Eine Anfrage, die ich zunächst kaum fassen konnte. Schließlich stand ich 2023 drei Tage lang in Paris vor der Kamera und dachte nur: Das Leben hält doch immer wieder Überraschungen bereit.

Die Produktion in der französischen Hauptstadt wurde zu einem der schönsten Höhepunkte meiner späten Karriere. Für mich als Frau mit über 50 Jahren fühlte es sich besonders berührend an, noch einmal Teil einer großen internationalen TV-Kampagne zu sein. In Paris vor der Kamera zu stehen, zeigte mir einmal mehr, dass das Leben seine faszinierendsten Kapitel oft erst später schreibt. Es fängt mit dem eigenen Verständnis für Schönheit und Reife an.

„Nach jedem Aus kommen neue Chancen“


Für GNTM 2025 hattest du nicht nur deine Bewerbungsmappe, sondern ein ganzes Stück deiner eigenen Model-Geschichte mitgebracht. Wie hast du den Casting-Tag erlebt?

Ich habe mich 2025 einfach aus Neugier bei Germany’s Next Topmodel beworben. Der Casting-Tag war aufregend: Plötzlich stand ich vor Heidi Klum und Gastjuror Jean Paul Gaultier. Wir blätterten gemeinsam durch mein altes Fotobuch, und ich erinnerte sie an unsere früheren Begegnungen – etwa backstage bei Versace in Mailand und bei Heidis Fashion Show in New York. Es hatte mich so gefreut, die Zwei wiederzusehen. Es war ein Kreis, der sich nach all den Jahren schloss. Nach dem Casting war das Kapitel GNTM für mich allerdings vorbei. Zumindest dachte ich das.


Im Jahr 2025 bist du wieder stärker ins Rampenlicht gerückt und wurdest in vielen Berichten als Gesicht einer ganzen Ära zwischen Modegeschichte und Gegenwart beschrieben. Was davon hat dich besonders berührt?

2025 brachte mir mehrere besondere Model-Momente: Nach einem Shooting mit dem britischen Starfotograf Rankin folgte mein Debüt auf der Berlin Fashion Week und kurz darauf mein erster internationaler Runway bei der Mode Suisse in Zürich. Und schließlich wurden Fotos davon in internationalen Magazinen wie der ›Elle Suisse‹ und der ›Vogue Greece‹ veröffentlicht. Ich konnte es nicht glauben. Ich – in der Vogue.

Rund um die GNTM-Ausstrahlung im Februar 2026 überschlugen sich dann die Ereignisse. Die Presse feierte mich als ehemaliges DDR-Model, das mit einem nostalgischen Fotobuch die Jury verblüffte. Mein TV-Auftritt sorgte für Schlagzeilen wie: „Modische Maschen-Ikone Anja Kossiwakis“ und „DDR-Covergirl bei GNTM“. Mit einer solch medialen Welle hatte ich gar nicht gerechnet, zumal ich in Runde 1 schon nicht mehr dabei war. Es erfüllt mich mit Stolz, dass so die Modischen Maschen nun auch im Westen angekommen sind.

„Große Träume sind immer möglich“


Zwischen dem grauen Staub der Bitterfelder Abraumhalden und dem Blitzlichtgewitter in Paris liegen Welten – und doch stehst du jetzt als gefeierter Star genau dort. Wie fühlt sich das an?

Mit 57 Jahren feierte ich mein Laufsteg-Debüt bei der Fashion Week Paris – übrigens überraschend unkompliziert: Über einen Aufruf auf Threads „Models für Fashion Week Paris gesucht“ bewarb ich mich ganz spontan und erhielt ohne Casting die Zusage. ‚Egal wie – ich fahre nach Paris‘, dachte ich. Was dann passierte, war wie ein Film. Vor Ort folgten mehrere Shootings und Runway-Auftritte für gleich drei weitere Designer.

Der entscheidende Schritt kam durch meinen Manager Frank Kuhlmann. Der Mann, der 1997 Metropolitan Models an die Börse gebracht hat und bis heute Marcus Schenkenberg persönlich betreut, vereinbarte einen Termin bei dieser renommierten Agentur. Ich unterschrieb gleich zwei Verträge – für die Fashionshow-Division und für die High-Fashion-Kampagnen. RTL und BILD berichteten darüber, und seither erreichen mich Nachrichten aus aller Welt. Für mich ist klar: Das ist erst der Anfang.


Mit 57 Jahren beginnst du gerade eine neue Etappe deiner Karriere. Was möchtest du Menschen sagen, die glauben, es sei zu spät für ihre Träume?

Es sind viele spannende Projekte in Planung, auf die ich mich sehr freue. Mit 57 Jahren erlebe ich gerade, wie sich meine Modelkarriere neu entfaltet – und ich bin überzeugt: Träume haben kein Ablaufdatum. Wenn sich für mich heute diese Türen öffnen, dann ist das ein Versprechen an alle, dass das Leben jederzeit eine große Überraschung bereithalten kann.