Soll die Religion dem Menschen dienen – oder der Mensch der Religion?
Ostern ist die Zeit des Aufbruchs. Für die Juden steht es für den Aufbruch aus Ägypten. Nur dass es da nicht Oster-, sondern Pessach-Fest heißt. Das Christentum feiert noch mehr: den Aufbruch ins ewige Leben. Doch was bedeutet diese radikale Hoffnung heute? In einer Zeit, die immer wieder von Krisen gezeichnet ist, erinnert uns das Osterfest daran, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Es ist das Fest der Zuversicht und des Neubeginns. Die Osterbotschaft ist moderner als viele glauben.

Wer bin ich, das zu entscheiden?
Der Karfreitag gilt als Ausgangspunkt des christlichen Glaubens. Die Schlüsselszene findet sich im Johannesevangelium (Kap. 19): Pilatus, der Statthalter der römischen Provinz Judäa, erklärt, er finde „keine Schuld“ an Jesus, überlässt die Entscheidung jedoch der Menge. Die jüdischen Autoritäten widersprechen. Sie fordern die Todesstrafe wegen Gotteslästerung und berufen sich auf das alttestamentarische Recht: „Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen“ (3. Mose 24, 16). Der Fall wirft zwei zentrale Fragen auf: Lästert man, rein tatbestandlich, des Herren Namen, nur weil man sich zu seinem Sohn erklärt? Und warum wird Jesus nicht gesteinigt, sondern römisch gekreuzigt? Kurzum: Hier kollidierten römisches Provinzrecht und jüdisches Religionsrecht in einer für Gottes Sohn eher ungünstigen Weise: über Kreuz.
Karfreitag erinnert an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz auf Golgatha. Theologisch steht er für die freiwillige Hingabe Jesu zur Sühne menschlicher Schuld. Vor diesem Hintergrund wirkt ein Gruß wie „angenehmen Karfreitag“ – wie man ihn gelegentlich zu hören bekommt – irritierend. Als Tag der Klage und Stille bildet er den Tiefpunkt der Passionsgeschichte, der funktional auf Ostern verweist. Wer den Sinn erfassen will, stößt unweigerlich auf die Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ – und der noch tieferen: „Wer bin ich, das zu entscheiden?“

Der Heiland der Christenmenschen
Die Geschichte – oder das „Narrativ“, wie man heute sagt – ist bekannt: Jesus von Nazareth wurde auf Veranlassung jüdischer Kleriker von den Römern gekreuzigt. Zwei Tage später war der Heiland verschwunden. Die Erklärungen divergierten früh: Leichenraub oder Auferstehung. Während die jüdischen Hohenpriester ersteres behaupteten, bezeugten die frühen Christen die Auferstehung Jesus. Das Matthäus-Evangelium (Kap. 28, 12 ff.) schildert, wie Geld an römische Wachen gezahlt wurde, um das Leichenraub-Gerücht zu stützen: „Und sie kamen zusammen mit den Ältesten und hielten einen Rat und gaben den Kriegsknechten Gelds genug und sprachen: Saget: Seine Jünger kamen des Nachts und stahlen ihn, dieweil wir schliefen. Und sie nahmen das Geld und taten, wie sie gelehrt waren.“ Schon früh standen konkurrierende Erklärungen im Raum – ein früher Kampf um Deutungshoheit.
Die Ostererzählung erscheint als Versuch, die jahrtausendealten Spannungen zwischen Gott und den Menschen dauerhaft zu lösen. Wenn Jesus Gottes lieber Sohn war, dann kann es sich bei der gesamten Oster-Inszenierung eigentlich nur um eine Art von missglückter Imagekampagne gehandelt haben. Zuzutrauen wäre es dem Alten durchaus – siehe Altes Testament. Und hätte auch funktionieren können. Allein es sollte anders kommen. Dass Christen heute etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen, zeigt die enorme Kraft dieser Erzählung. Dennoch blieb der erhoffte allumfassende Konsens aus. Die Osterbotschaft markiert somit weniger einen abschließenden Höhepunkt als den Ausgangspunkt einer bis heute andauernden Debatte über Wahrheit, Glaube und religiöse Identität.

Ein Nest voller Mythen
Ostern kommt regelmäßig unregelmäßig am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond – und damit deutlich variabler als etwa Weihnachten mit seinen festen Terminen. Wie aber kommt nun der Osterhase ins Spiel? Schon im 17. Jahrhundert legte der „Osterhase“ in protestantischen Regionen Eier in vorbereitete Nester und belohnte gute Kinder – eine Art erzieherische Funktion ähnlich dem Weihnachtsmann. So volkstümlich der Osterhase auch geworden ist, seine Verbindung mit dem Ei bleibt bis heute ein reizvolles Rätsel. Eine abschließende Erklärung gibt es nicht; stattdessen bietet der Schluss eines Gedichtes von Eduard Mörike eine humorvolle Deutung:
Die Sophisten und die Pfaffen
stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen
wohl die Henne, wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward das Ei erdacht,
doch, weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has’ gebracht.
Frohe Ostern also, urbi et orbi!



