Stadtvibe

Kreuzkölln 2.0 – Welterbe, Multikulti-Alltag und Hipster-Hype

Berlin. Vom verrufenen Vergnügungsviertel Rixdorf zum gefeierten Szenebezirk: Neukölln gilt als Berlins wohl kontrastreichster Schmelztiegel. Böhmische Dorfidylle am Richardplatz trifft auf Multikulti, UNESCO-Welterbe wie die Hufeisensiedlung auf Gentrifizierungsdruck. Mit 330.000 Einwohnern wäre Neukölln ein eigenständiges Großstadt-Schwergewicht – größer als Münster oder Karlsruhe. Neben historischen Traditionsbetrieben gibt es im Britzer Garten sogar einen Weinberg von knapp 5.000 m² mit etwa 1.500 Weinreben – ein Kosmos der versteckten Nischen.

Kunst des Durchhaltens – Zwischen Kiez-Romantik und harter Realität

Wer von der lauten Karl-Marx-Straße in Richtung Richardplatz einbiegt, landet scheinbar in einer anderen Epoche: Kopfsteinpflaster, alte Dorfkirche, Fachwerkhäuser – mitten in Neukölln. Das frühere Rixdorf legte 1912 seinen Namen ab, um den Ruf als Vergnügungsviertel loszuwerden. Heute zieht dieses Stück Alt-Berlin Scharen von Touristen an. Doch hinter der Postkartenkulisse kämpft ein fragiles Netz aus traditionsreichem Handwerk und Gastronomie mit Denkmalschutzauflagen, bürokratischen Hürden und wirtschaftlichem Druck.

Im historischen Kern steht seit mehr als 400 Jahren die älteste, noch aktive Schmiede Berlins. Seit 2004 schmiedet Martin Böck hier Eisen nach Kundenwünschen, 2015 kam seine Frau Katharina als Goldschmiedin hinzu. Unter dem Label ›Eisen und Gold‹ entstehen Unikate wie Trauringe, Messer oder ein historisch nachempfundener Schweizer Armeedolch mit Goldbeschlägen und Walrosszahn (als ökologische Elfenbein-Alternative) – an dem allein das Paar zwei Monate gearbeitet hat. Besonders gefragt sind ihre Workshops, in denen Teilnehmer eigene Messer oder Trauringe schmieden. Bewusst setzt das Ehepaar auf regionale Materialien: Berliner Hölzer und heimischen Stahl. Den Betrieb trägt vor allem der Schleifereiservice. Trotz stabiler Nachfrage steht der traditionsreiche Ausbildungsbetrieb vor existenziellen Problemen: Das Gebäude gehört dem Bezirksamt, notwendige Sanierungen bleiben aus, Fördermittel scheitern am Denkmalschutz. Der Pachtvertrag läuft bis Ende August 2026. Ohne Unterstützung erwägt das Team mit drei Gesellen ernstlich den Wegzug aus Neukölln.

Wenige Straßen weiter führt Roberto Kus seit 22 Jahren die ›Villa Rixdorf‹ in einem denkmalgeschützten Gebäude von 1870, einst eine Gasabfüllstation. Begonnen hat alles mit einem kleinen Eisstand im früheren Pförtnerhäuschen. Daraus entwickelte der Armenier ein Gastro-Konzept aus deutscher Hausmannskost – mit einem früheren Koch aus dem Palast der Republik – und italienischen Einflüssen. Markenzeichen ist seine ein Meter große Pizza, die hier als die größte Europas gilt. Die Villa pflegt skurrile Kontraste: Frank Zander feierte hier seinen 70. Geburtstag, Robbie Williams gab eine Spontanshow, die Berliner Polizei trifft sich zum „sichersten Stammtisch“ des Bezirks, ›Die Linke‹ hat sich hier gegründet, aber auch Farbbeutel wegen unliebsamer Gäste sind schon geflogen. Der Biergarten mit selbst gezogenen Feigen, Maulbeeren und Zitruspflanzen zählt zu den schönsten der Stadt. Gleichzeitig erzählt die Villa von einem Arbeitsalltag am Limit: steigende Kosten, Personalmangel und behördliche Bremsen. Trotzdem hält Kus an der Villa fest – und engagiert sich weiterhin mehrmals im Jahr mit kostenlosem Essen für Bedürftige.

Ruhepol und Experimentierfeld – Kiesgrube wird Kultur-Idylle

Der Körnerpark zählt zu den verborgenen Juwelen Neuköllns. Das Gelände gehörte einst dem Unternehmer Franz Körner, der dort im 19. Jahrhundert eine Kies- und Sandgrube betrieb. Die Rohstoffe versorgten den boomenden Wohnungsbau im rasant wachsenden Berlin. Nach der vollständigen Ausbeutung blieb ein mehrere Meter tiefes Loch zurück. Körner schenkte das Areal später der damaligen Stadt Rixdorf – unter der Bedingung, dort einen Park mit seinem Namen anzulegen. Zwischen 1912 und 1916 entstand so die neobarocke Anlage, die die Vertiefung nicht zuschüttete, sondern gestalterisch einband: Deswegen liegt der Körnerpark bis heute wie eine abgeschirmte Oase rund fünf bis sieben Meter unter dem Straßenniveau.

Die streng symmetrische Anlage mit alten Baumriesen schafft eine ruhige, fast intime Atmosphäre mit mediterranem Flair im dicht bebauten Norden Neuköllns. Ihre Restaurierung 1983 markierte zudem den Beginn einer kulturellen Neuausrichtung. Die Orangerie an der Westseite hat sich zu einem renommierten Ort für experimentelle Gegenwartskunst entwickelt. Das Kuratorinnen-Team besteht seit Jahren ausschließlich aus Frauen – kein offizieller Leitrahmen, aber in der Programmgestaltung spürbar. Der Eintritt ist kostenlos, finanziert aus öffentlichen Mitteln und Fördergeldern. Doch auch dieser Kulturort spürt den Budgetdruck: längere Laufzeiten, weniger Ausstellungen. Und dennoch bietet dieses niedrigschwellige Kulturangebot auch in diesem Jahr wieder kostenlose Konzerte, Artist Talks und Workshops. Das zugehörige Café dient dabei als entspannter Treffpunkt zwischen Kunst und Natur.

Vom Pissoir zur Projektionsfläche – Neukölln recycelt sich selbst

Während des jährlichen Festivals ›48 Stunden Neukölln‹ wird der Bezirk zum Experimentierraum für Kunst. Die ›Kunstbrücke am Wildenbruch‹ gehört dabei zu den ungewöhnlichsten Spielorten im Netzwerk des Arbeitskreises Kommunaler Galerien Berlin (KGB). Wo sich früher Passanten und Schiffsreisende in der öffentlichen Bedürfnisanstalt gleichermaßen erleichterten, betreibt das Bezirksamt Neukölln seit dem Umbau 2021 eine kommunale Galerie – Eintritt kostenlos, Anspruch experimentell. Die Geschichte des Ortes bleibt dabei sichtbar: gekachelte Wände, enge Kabinenstrukturen.

Die aktuelle Ausstellung ›Fenster Türen Wände‹ von Sophie Aigner und Clara Bahlsen macht den Ort selbst zum zentralen Mitspieler. Das Plakat mit dem Versprechen des „Durchblicks“ auf der Wasserseite des Kanals wirkt bewusst ambivalent. Die Arbeiten verbinden Körper, Raum und Geschichte auf subtile Weise. Überdimensionale Finger treten in Dialog, berühren und kreuzen sich und verweisen auf geheime Codes. Die Künstlerinnen thematisieren, wie Körper als Informationsträger gelesen werden können – und wo Verständigung scheitert.

Klein und skurril am Schifffahrtskanal: Die Kunstbrücke am Wildenbruch mit ihren vier kleinen Ausstellungsräumen. Foto: Jana Kwiatkowski