Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt
Es gibt verschiedene Weltbild-Typen, mit denen man leben kann oder muss. Ohne hier auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest eingehen zu müssen – deren Antwort ja bekanntlich 42 ist –, liegen wir wohl nicht allzu falsch, wenn wir uns selber als super-winzige, nachgeradezu mikroskopisch-miniskule Wesen auffassen – in einem unerhört gigantischen Universum. Dabei kann es nur darauf ankommen, irgendwie damit klarzukommen, dass das eigene Handeln wenigstens annähernd zum beabsichtigten Ergebnis führt. Das klingt kompliziert – und das ist es auch.

Wissen um die Wahrheit – Wie wir uns die Welt erklären
Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dieses Wissen entsteht in einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozess aus allen jemals gewonnenen Eindrücken und wird schließlich als Weltbild – als ›mappa mundi‹ – abgelegt. Von da an ist es handlungsleitend. Das Weltbild ist also nur ein Bild von der Welt, mitnichten die Welt selbst. Mehr als ein Bild ist nun mal nicht drin. Versuchen wir also eine kleine Systematisierung. Die ›mappa mundi‹, die jemand pflegt, kann einigermaßen intakt sein (mappa mundi intacta). Dies ist ein höchst erfreulicher Zustand – aber leider eher die Ausnahme. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass sie mehr oder weniger fehlerhaft ist (mappa mundi vitiosa) oder, in der Steigerung, grob verzerrt und zerrissen (mappa mundi friata). Und dann passiert nie das, was passieren soll. Die Welt ist schlecht – gar ungerecht, heißt es dann munter und mitunter. Man schiebt es auf die schwere Kindheit, auf die Gesellschaft, auf den Kapitalismus, oder auf sonst irgendwas. Allein, es wird nichts nützen: Die Welt an sich ist außerordentlich vorwurfsresistent und nur ganz schwer zu beeindrucken. Einfacher wäre es – sofern man hier überhaupt von „einfach“ sprechen kann – sich um die Errichtung eines halbwegs funktionsfähigen Weltbildes zu kümmern.
Wie das geht? Im Grunde nur mit Versuch und Irrtum (trial and error). Um aber nicht ganz bei Null (ab ovo) anfangen zu müssen, lohnt es sich, auf bewährte Faustregeln zurückzugreifen – also auf das, was unter Sitten und Gebräuchen verstanden wird. Manche nennen das „Dos and Don’ts“. Natürlicherweise lernt man sowas im Rahmen der eigenen Sozialisation: durch Erziehung, Identität und Konformität, Werte und Normen.

Gestern, Krise, Schwarz-Weiß – Die drei Denkfallen im Business
Mit ›mappa mundi antiqua‹ ist ein Weltbild gemeint, das den Umgang mit der heutigen Realität konsequent-irrigerweise auf die Vergangenheit reduziert. Bei solchen Menschen ist es immer „gestern“. Alles, was auch nur ansatzweise in Richtung Veränderung oder Zukunft weist, muss daher mit Vehemenz abgewehrt werden. In vielen Unternehmen und Institutionen ist es immer noch „vor der Digitalisierung“ und „in bewährten Hierarchien“. Begründung: „Damit das, was uns schon einmal passiert ist, nicht noch einmal passiert.“ Na toll! So geht Konzentration auf das Wesentliche – wenn es denn das Wesentliche wäre.
Daneben gibt es die ›mappa mundi hysterica‹. Perfekt für jene, für die es – egal wie die Lage gerade ist – immer „kurz vor zwölf“ ist. Bei jedem Marktgeräusch ist sofort die „Branche in Gefahr“, jede Technologieverschiebung wird sofort zur „Existenzbedrohung“, bei jeder negativen Schlagzeile droht der unmittelbare Kollaps, und bei jeder Wettbewerbsankündigung gilt: letzte Patrone im Lauf oder was auch immer. Der Tenor ist immer der gleiche: „Wir werden alle untergehen.“ Stimmt. Das kann geschehen – zumindest wirtschaftlich irgendwann. Allerdings nicht zwingend wegen der jeweils aktuellen Krise.
Schließlich haben wir noch – auch sehr beliebt – die ›mappa mundi manichaea‹. Hier wird die Welt streng in Gut und Böse unterteilt. Das Credo: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Egal, um was oder wen es gehen mag: Es ist doch immer beruhigend zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Kompliziert wird es nur, wenn die Guten plötzlich dumme Sachen machen oder die vermeintlichen Bremser plötzlich die rettende Idee liefern. Dann gerät dieses Weltbild schnell an seine Grenzen.

Die Karte ist nicht das Gebiet – Die Realität schlägt gern zurück
Sagen wir so: Wer mit einem kaputten Weltbild unterwegs ist, der bereitet sich und allen in seinem Umfeld früher oder später massive Probleme. Warum? Weil die Welt nicht so funktioniert, wie er sie sich zurechtlegt. Da ist der Geschäftsführer, der stur an einem überholten Geschäftsmodell festhält, weil es vor zwanzig Jahren einmal funktioniert hat. Da ist die Führungskraft, die bei jeder technologischen Neuerung den Untergang des Unternehmens ausruft. Und da ist der Stratege, der Wettbewerber grundsätzlich für inkompetent und das eigene Haus für unfehlbar hält. Solange solche Leute nur ihr eigenes Leben fehlsteuern, bleibt der Schaden überschaubar. Märkte lassen sich nicht durch Wunschdenken beeindrucken, Kunden nicht durch Ideologien überzeugen und Geschäftsmodelle nicht durch Beharrungsvermögen retten. Die Welt ist, wie sie ist – nicht, wie man sie gern hätte.
Wer die Welt falsch liest, trifft zwangsläufig falsche Entscheidungen. Erfolgreiche Führung beginnt deshalb mit der Bereitschaft, das eigene Weltbild regelmäßig zu hinterfragen und anzupassen. Denn nur wer die Realität klar erkennt, kann sie auch erfolgreich gestalten. Wer dagegen an einer fehlerhaften Karte festhält, wird sich immer wieder verlaufen – ganz gleich, wie entschlossen er unterwegs ist. Schaut Euch um: In Unternehmen. Auf Märkten. Und im Lande.



