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Vom Todesstreifen zum Schlosspark – Ein Bezirk, dreizehn Gesichter

Berlin. Prenzlauer Berg oder Buch, Szene-Kiez oder Streuobstwiese – der mit über 400.000 Einwohnern bevölkerungsreichste Bezirk ist weit mehr als nur Mauerpark und Café-Kultur. Pankows Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück. Der heutige Großbezirk entstand jedoch erst 2001 durch die Fusion von Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee. Damit verbinden sich hier urbane Kiezkultur, DDR-Geschichte und ländliche Rückzugsorte. Und Pankow besitzt Berlins höchste Erhebung: die Arkenberge (121,9 m ü. NHN) – einen guten Meter höher als der bekanntere Teufelsberg.

Oase der Ruhe: Weite Wiesen und alter Baumbestand (hier im Bürgerpark) charakterisieren den Norden Berlins. Foto: Jana Kwiatkowski

Zeitkapsel – Ein Schloss zwischen Preußen und Sozialismus

Schloss Schönhausen erzählt auf engem Raum gleich mehrere Kapitel Berliner Geschichte: preußischer Hof, NS-Kunstdepot, DDR-Staatsmacht und deutsche Einheit. Ab 1740 residierte hier Königin Elisabeth Christine, die Gemahlin Friedrichs des Großen – fast sechs Jahrzehnte lang. Der König selbst kam nur selten zu offiziellen Anlässen und Besuchen seiner Frau. Aus dieser vernachlässigten Ehe erwuchs eine Rokoko-Pracht, deren historische Räume erst bei späteren Restaurierungen unter Tapeten und Farbschichten wieder zum Vorschein kamen. 1949 wurde Schönhausen Amtssitz von Wilhelm Pieck, dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR, anschließend bis 1990 Staatsgästehaus. Neben Fidel Castro und Leonid Breschnew logierte hier im Oktober 1989 noch Michail Gorbatschow – einen Monat vor dem Mauerfall. 1990 folgten an diesem Ort die historischen Zwei-plus-Vier-Gespräche zur deutschen Einheit.

Durch den Park fließt die Panke, Namensgeberin des Bezirks. Barocke Ursprünge verbinden sich hier mit dem englischen Landschaftsgarten, den Peter Joseph Lenné im 19. Jahrhundert angelegt hat. Ein historischer Glücksfall ist der Präsidentengarten der 1950er Jahre: Weil das Gelände jahrzehntelang Sperrgebiet war, blieb der Entwurf des renommierten DDR-Landschaftsarchitekten Reinhold Lingner („Vater der IGA“ – der Internationalen Gartenausstellung) außergewöhnlich gut erhalten. Platanen aus der Zeit der Königin, Kübel von Hedwig Bollhagen und Metallplastiken von Fritz Kühn prägen das Ensemble. Heute ist Schloss Schönhausen ein Museum – und deutlich weniger überlaufen als die großen Preußenschlösser.

Spiegelbild der Epochen: Die Gartenseite des Schlosses Schönhausen in Niederschönhausen. Foto: Jana Kwiatkowski
Persönliche Spuren: Hofdamen-Porträts im restaurierten Gartensaal von Schloss Schönhausen. Foto: Jana Kwiatkowski

Entdeckungsreise – Kulturanspruch und Gastfreundschaft

Nur 50 Quadratmeter misst das Pankebuch in einem ehemaligen Fahrradkeller nahe der Panke – und ist doch ein bundesweit einzigartiges Literaturfenster. Aus einer spontanen Idee heraus gegründet, hat sich die Buchhandlung auf Literatur aus den nordischen Ländern spezialisiert, im Original wie in Übersetzungen, und ist heute feste Partnerin der Nordischen Botschaften. Zweimal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet, bekam sie 2019 sogar Besuch vom norwegischen Kronprinzenpaar. Seit 2025 führt Daniel Mätschker das Haus weiter und erweitert das nordische Profil behutsam um osteuropäische Literatur – dem Kiez geschuldet: „Pankow ist halt so ein bisschen der intellektuelle Bezirk der DDR gewesen. Und die Affinität zu Osteuropa ist hier höher als zu Skandinavien.“ Zwischen persönlichem Austausch und Lesungen in Nachbarschaftscafés beweist der Kiez-Anker, dass ein hochspezialisiertes Konzept mit treuer Stammkundschaft im digitalen Zeitalter krisenfest bleibt – wer hierherkommt, sucht Auswahl statt Massenware.

Frisch eingetroffen: Der Buchtisch im Pankebuch bietet eine kuratierte Auswahl von Skandikrimis bis hin zu baltischer Belletristik. Foto: Jana Kwiatkowski

In den historischen Heynhöfen – einer Stuhlrohrfabrik von 1893 – verbindet die Tapasbar Fritz HeynIndustriecharme mit lebendiger Hofgemeinschaft. Die ehemalige Werk- und Lagerhalle wurde 2015 zur Gastronomie und versteht sich seither als einladendes Entrée zu den Höfen, in denen Kreative und Handwerker Seite an Seite arbeiten. Neben Events, Caterings und saisonalen Höhepunkten wie der Fête de la Musique und dem seit elf Jahren organisierten Adventsmarkt öffnet der Betrieb donnerstags und freitags für den Kiez. Hier finden Einheimische zu Ostern ihren heißbegehrten Eierlikör, Signature-Aufstriche und Cantuccini zum Mitnehmen – und handgemachte mediterrane Tapas auf dem Teller. Dass dieses Konzept mit viel Herzblut betrieben wird, bringt Betriebsleiterin Daniela Moncorps auf den Punkt: „Weil wir hier einfach wirklich noch Bock haben auf Gastronomie.“ Und die Pläne reichen weiter – etwa für ein eigenes, kleines Food-Festival.

Ein Platz zum Genießen: Gastraum der Tapasbar Fritz Heyn verbindet industriellen Charakter mit mediterraner Gastronomie. Foto: Jana Kwiatkowski

Kleinod – Vom Kaiserreich zum Märchenzauber

Der Bürgerpark Pankow gehört zu den schönsten Grünanlagen im Berliner Norden. Der ab 1856 vom Verleger Hermann Killisch von Horn angelegte private Landschaftsgarten im italienischen Renaissancestil wurde später nach englischem Vorbild erweitert und 1907 von der Gemeinde Pankow an die Öffentlichkeit übergeben. Entlang der Panke verbinden sich auf rund zwölf Hektar weite Wiesen, Beete, Tiergehege und Skulpturen ostdeutscher Bildhauer mit historischem Baumbestand. Das prachtvolle Renaissance-Eingangstor prägt das Bild. Im Sommer lockt der geometrische Rosengarten samt restauriertem Musikpavillon. Doch ausgerechnet das Café Rosengarten, jahrzehntelang Treffpunkt im Park, steht leer. Gebäudemängel, ein Wasserschaden und Sanierungskosten von rund 1,5 Millionen Euro lassen eine Wiedereröffnung angesichts der kommunalen Haushaltslage ungewiss erscheinen. 2025 hat der Bezirk dem Pächter gekündigt – seither scheitern Nachnutzungen an den aufzubringenden Kosten. 

Dabei lebt der Park von seinen stillen Besonderheiten: Die 1955 eröffnete Parkbibliothek gilt als älteste Freiluft-Parkbücherei Berlins. Bücher, Zeitschriften und Spiele können dort sommers gegen Pfand und ohne Bibliotheksausweis ausgeliehen werden – auf Vertrauensbasis und ehrenamtlich. Im Dezember verwandelt sich die Anlage für kurze Zeit in einen Märchenwald: Lebensgroße, handgefertigte Figuren ziehen durch das Eingangstor ein. Entstanden in Zusammenarbeit mit Schülern und Senioren gehören Hexenhaus und Märchenfiguren inzwischen zum vorweihnachtlichen Parkritual. Der Bürgerpark – ein bemerkenswert lebendiger Nachbarschaftsort.

Einladender Auftakt: Historisches Portal zum Bürgerpark wurde 2007 zum 100-jährigen Jubiläum generalsaniert. Foto: Jana Kwiatkowski
Symmetrie und Sommersound: Der Pavillon im Rosengarten dient im Sommer als Bühne für Open-Air-Konzerte. Foto: Jana Kwiatkowski