Stadtvibe

World Economic Forum – „A Spirit of Dialogue“ im Stresstest der Gegenwart

Davos. Geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche haben das World Economic Forum (WEF) 2026 geprägt. Das Credo des diesjährigen Leitmotivs „A Spirit of Dialogue“: Dialog als Basis gemeinsamen Handelns. In der hermetisch abgeriegelten Alpenkulisse traf sich erneut die globale Elite aus Politik und Wirtschaft. Was 1971 als Management-Symposium begann, ist heute ein hochgesicherter Denk- und Machtraum für 3.000 Spitzenvertreter. Angesichts geopolitischer Spannungen sollte das Unmögliche versucht werden: Vertrauen durch Reden zurückgewinnen.

Deutschland – „Comeback-Nation“ ohne Ankerpunkt

In Davos zählt Sichtbarkeit. Umso deutlicher fiel auf, dass Deutschland erneut kein eigenes ›House‹ betrieb. Nationale Häuser dienen als zentrale Plattformen für Networking, Investorenkontakte und politische Kommunikation. Jahrzehntelang galt das Hotel Belvedere als inoffizielles deutsches Zentrum, besonders in der Ära von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Seine Empfänge wurden zum Pflichttermin globaler Entscheidungsträger, flankiert von sichtbarer Konzernpräsenz, etwa durch Audi-Shuttle-Flotten. Kanzler Friedrich Merz setzte stattdessen auf die offizielle WEF-Bühne, wo er Deutschland als „Comeback-Nation“ positionierte, sowie auf bilaterale Gespräche hinter verschlossenen Türen. Doch ein physischer Anlaufpunkt für Investoren und Global Player fehlte.

Ein eigenes Haus ist teuer – siebenstellige Beträge für wenige Tage. Dennoch zeigen andere Länder, welchen strategischen Wert diese Präsenz haben kann. Die Ukraine nutzte ihr House als zentrales Instrument zur Mobilisierung politischer und finanzieller Unterstützung. Nigeria warb offensiv um Investoren. Die USA inszenierten gleich mit zwei Häusern, darunter einer umfunktionierten Kirche als „USA House – Freedom 250“, ihr 250-Jahr-Jubiläum. Selbst Belgien bot einen kompakten Networking-Hub und die Schweiz festigte seit 2019 ihre institutionalisierte Präsenz. Während andere Nationen ihre Häuser als Schaufenster einsetzten, blieb Deutschland dezentral und schwer greifbar.

Ungenutztes Billionen-Potenzial – FemTech & Female Economy

Die Präsenz von Frauen beim WEF 2026 blieb ambivalent: Mit einem Anteil von rund 28 Prozent manifestierte sich erneut eine deutliche Lücke zwischen Gleichstellungsrhetorik und statistischer Realität. Während Expertinnen werteorientierte Themenfelder, wie KI-Ethik (Digitale Intelligenz) und modernes Leadership (Emotionale Intelligenz) anführten, dominierten in den klassischen Machtzentren Finanzen und Geopolitik weiterhin männlich geprägte Strukturen.

Zu den sichtbarsten Gegenpolen zählte die Female Quotient Lounge als eines der lebendigsten Side-Events der Woche. Unter dem Motto „The Power of the Pack“ entstanden hier bewusst hierarchiefreie Räume für strategisches Networking, Mentoring und wirtschaftliche Debatten. Top-Managerinnen, Gründerinnen und Investorinnen diskutierten hier über Kapitalzugang und neue Führungsmodelle. Auch Initiativen wie die World Woman Davos Agenda positionierten Frauen gezielt als Gestalterinnen globaler Zukunftsthemen. Führende Köpfe von Google bis Salesforce rückten dabei die Female Economy als globalen Wachstumsmotor in den Fokus. Das WEF 2026 markiert einen Wendepunkt: Es geht um handfeste Wirtschaftsinteressen – von Risikokapital für Gründerinnen bis hin zu FemTech-Innovationen. Wer den globalen Anschluss nicht verlieren will, muss in spezifische Finanzprodukte und Technologien für Frauen investieren.

Female Economy: wirtschaftliche Gestaltungsmacht von Frauen im Fokus, Fotos: Jana Kwiatkowski
KI – Produktivität ja, Beziehung nein

Das Programm des WEF 2026 war ambitioniert – und bewusst breit angelegt. Fünf Säulen adressierten eine fragmentierte Welt: Kooperation bei sinkendem Vertrauen, Erschließung neuer Wachstumsquellen, Investitionen in Menschen, verantwortungsvolle Innovation und Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen. Besonders auffällig war dabei die pragmatische Verbindung von technologischer Dynamik und gesellschaftlicher Stabilität.

KI war omnipräsent. Sie wurde als Werkzeug zur Effizienzsteigerung gefeiert, zugleich aber auch als unvollständig entzaubert: Algorithmen erfassen keine Gefühle. Vertrauen, Empathie und situatives Verständnis lassen sich nicht skalieren. Besonders in beratungsintensiven Branchen bleibt Technologie eine Ergänzung, kein Ersatz. „Zuhören bleibt eine Superkraft“, hieß es – eine klare Abgrenzung zu rein technokratischen Visionen. Diese Rückbesinnung auf den EQ (Emotionale Intelligenz) erweitert das Anforderungsprofil zur neuen Erfolgsformel: IQ + EQ + DQ – digitale Intelligenz als neue Schlüsselkompetenz neben Logik und Empathie. Der Blick richtet sich bereits auf 2027. Mit einem angekündigten Fokus auf Afrika und den globalen Süden sowie einem zusätzlichen ›Spring Davos‹ in Südafrika positioniert sich das Forum neu – inhaltlich, geografisch und strategisch.