Reiseweg

Savoir vivre – Cannes zwischen Glanz, Glamour und Grenzen

Cannes. Der Küstenort gilt als Inbegriff des Glamours an der Côte d’Azur – mit roten Teppichen, Luxusyachten und einer legendären Promenade. Dabei war Cannes einst ein bescheidenes Fischerdorf, bevor britische Aristokraten den Ort im 19. Jahrhundert als exklusives Winterrefugium entdeckten. Den weltweiten Mythos besiegelten ab 1946 die Internationalen Filmfestspiele. Doch hinter dem Blitzlichtgewitter zeigt Cannes ein dreifältiges Gesicht: mondäner Luxus, mediterranes Savoir vivre – und Massentourismus.

Der markante Schriftzug ‚Cannes‘ am Musée des Explorations du Monde im mittelalterlichen Kastellviertel der Stadt. Foto: Jana Kwiatkowski

Das authentische Herz – Abseits des roten Teppichs

Das historische Viertel Le Suquet bildet das architektonische Herz von Cannes. Auf einem Hügel gelegen gilt es als Ursprungsort der Stadt. Einst von Römern gegründet und im Mittelalter von Mönchen der Lérins-Inseln ausgebaut, finden Besucher heute ein Labyrinth aus steilen, kopfsteingepflasterten Gassen und blumengeschmückten Fassaden. Am höchsten Punkt erhebt sich die Pfarrkirche Église Notre-Dame de l’Espérance, im 16. und 17. Jahrhundert im provenzalisch-gotischen Stil errichtet und im Zweiten Weltkrieg zeitweise als Lazarett genutzt. Hinter ihrem schlichten Innenraum verbergen sich ein elegantes Renaissanceportal, eine historische Orgel und religiöse Kunstwerke aus mehreren Jahrhunderten. Während das Innere als kühler, geschichtsträchtiger Rückzugsort fasziniert, verwandelt sich die Aussichtsterrasse davor tagsüber gern zur überlaufenen Kulisse für Massentouristen.

Wer Le Suquet abseits der belebten Rue Saint-Antoine erlebt, entdeckt in den Nebengassen kleine Lokale und ruhige Plätze – für regionale Köstlichkeiten zu faireren Preisen lohnt sich zudem die Rue Meynadier am Fuß des Hügels. In der Nähe vermittelt der Marché Gambetta ein Stück ungeschminkten Alltags: kein Touristenmagnet wie der bekannte Marché Forville, sondern ein Ort, an dem Cannes noch nach Fisch und Provence riecht. Hier kaufen Einheimische frischen Fisch, provenzalische Spezialitäten, Obst, Gemüse und Blumen. Abends auf der Terrasse des Musée de la Castre wartet dann einer der magischsten Sonnenuntergänge der Riviera – mit einem Glas Rosé in der Hand und oft spürbar weniger Andrang.

Le Suquet in Cannes: traditionelle Gerichte, serviert in den engen Gassen der Altstadt. Foto: Jana Kwiatkowski

Auf großer Bühne – Glanz, Beton und Hafenromantik

Mit dem Boulevard de la Croisette besitzt Cannes eine der bekanntesten Uferpromenaden Europas. Auf rund zwei Kilometern reihen sich Palmen, Luxushotels, exklusive Boutiquen und Strandclubs aneinander. Der feine Sandstrand ist größtenteils in private Abschnitte der Nobelhotels unterteilt, bietet dazwischen aber auch öffentliche Zonen – zweigespaltene Strandkultur. Die Flaniermeile lebt Kontrast: Während Carlton und Martinez den Jetset bedienen, laden die kostenlosen ›Chaises Bleues‹ seit Jahrzehnten auch zum einfachen Verweilen ein. Am westlichen Ende bricht das Palais des Festivals mit seiner wuchtigen Betonarchitektur die mediterrane Leichtigkeit. Von Einheimischen immer mal wieder als Fremdkörper kritisiert, zieht es dennoch zahlreiche Besucher mit dem ›Chemin des Étoiles‹ den Handabdrücken internationaler Filmstars, dem berühmten Treppenaufgang und dem Panoramablick von der Dachterrasse an. Wer hinter die Kulissen blicken möchte, kann das Haus bei einer – ausschließlich auf Französisch angebotenen – Führung entdecken.

Nur wenige Schritte entfernt liegt der Vieux Port, wo traditionelle Fischerboote (›Les Pointus‹) und Luxusyachten den gleichen Kontrast sichtbar machen. Wer morgens gegen acht Uhr den Quai St. Pierre besucht, erlebt eine andere Seite der Stadt: Hier verkaufen Fischer ihren Fang direkt vom Boot. Bei einem Espresso unter Seeleuten zeigt sich ein ungeschminktes, maritimes Cannes. Während der Cannes Lions wird der Alte Hafen zum ruhigen Rückzugsort der globalen Kreativbranche – ein Ort, an dem trotz aller Inszenierung die maritime Seele der Stadt bis heute spürbar bleibt.

Blick über den Vieux Port zum Le Suquet: zwischen Yachten und historischer Altstadt. Foto: Jana Kwiatkowski

Das kreative Cannes – Zugänglich statt exklusiv

Wer Cannes nur mit Filmfestspielen verbindet, übersieht eine überraschend vielfältige Kunstszene. Neben renommierten Ausstellungshäusern prägen vor allem Kunstwerke im öffentlichen Raum das Stadtbild – eine Mischung aus klassischer Moderne, Gegenwartskunst und Street Art, die sich geschickt mit Kino-Nostalgie verknüpft. Die Gemeinde fördert urbane Kunst gezielt als Instrument der Stadtverschönerung. Besonders eindrucksvoll sind die ›Les Murs Peints‹: Rund 20 monumentale Wandgemälde und Trompe-l’Œil-Arbeiten verwandeln Hausfassaden im gesamten Stadtgebiet in ein kostenloses Freilichtmuseum. Die großformatigen Werke huldigen Filmikonen wie Marilyn Monroe, Charlie Chaplin oder Alain Delon und laden abseits der Croisette zu Spaziergängen durch die Wohnviertel ein – ein visuell reizvolles Erlebnis durch das urbane Cannes.

Einen erfrischenden Gegenentwurf zum teils exklusiven Galerienbetrieb der Croisette bietet ›La Scène des Artistes‹. Der 2026 von der Unternehmerin und Philanthropin E. Désirée Asher in der Rue d’Antibes eröffnete Kunstraum verbindet Galerie, Atelier und Veranstaltungsort. Die junge Galerie versteht sich als offener Hub für aufstrebende Künstler und setzt bewusst auf Zugänglichkeit statt Prätention. In entspannter Atmosphäre finden hier Ausstellungen, Live-Events und Atelier-Tage statt. Ob Malerei, Skulptur oder experimentelle Formen – der Fokus liegt auf Originalität und dem direkten Austausch. Ob dieser niedrigschwellige Ansatz langfristig dem elitären Luxusimage der Stadt trotzen kann, bleibt abzuwarten. Die Kulturlandschaft bereichert er schon heute. Ein Besuch während einer Vernissage lohnt sich allemal.

La Scène des Artistes: wechselnde Ausstellungen zwischen Malerei und Skulptur. Foto: Jana Kwiatkowski

Meine 5 Tipps für Cannes:

  • Rue Meynadier
    Historische Einkaufsstraße (kleine Feinkostläden, Käsereien, Bäckereien und lokale Spezialitäten – ideal für Picknick-Vorräte)
  • Croix des Gardes 
    Naturpark oberhalb von Cannes (schattige Wanderwege, mediterrane Vegetation, Aussichtspunkte, 80 Hektar Wald, 40 Sorten von Mimosen)
  • La Malmaison
    Internationales Zentrum für zeitgenössische Kunst (direkt an der Croisette, wechselnde Ausstellungen von u. a. Picasso, Miró und Matisse)
  • Musée des Explorations du Monde
    Historische Kunst- und Kultursammlungen (in den Ruinen einer mittelalterlichen Burg, auf dem Hügel von Le Suquet, Aussichtsturm mit Panoramablick)
  • Écomusée sous-marin
    Unterwasser-Ökomuseum vor der Küste der Île Sainte-Marguerite (monumentale Gesichter-Statuen, in 3 bis 5 Metern Tiefe, kostenfrei erkundbar)
Burgturm des Musée des Explorations du Monde. Foto: Jana Kwiatkowski
Handabdruck von Meryl Streep auf der Allée des Étoiles: Ehreninstallation für Filmschaffende. Foto: Jana Kwiatkowski
Trompe-l’œil-Fresko von Gérard Philipe: Teil der ‚Les Murs Peints‘-Serie in Cannes. Foto: Jana Kwiatkowski