Keine Bank, kein Chef – nur Werth! Der Alleingang eines Unternehmers
Keine Investoren, keine Kredite, kein Team. Für den Berliner Unternehmer Fabian Werth ist Selbstbestimmung das oberste Gebot. Sein unternehmerisches Selbstverständnis ist klar: nur tun, woran man glaubt. In einer Welt, in der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit als Währung gelten, geht er bewusst einen anderen Weg. Doch diese Freiheit hat ihren Preis – Rückschläge gehören dazu. Doch wie tragfähig ist ein solcher Weg im heutigen Wirtschaftsklima? Seine aktuelle Antwort trägt den Namen Berliner Goldsuse.
Unternehmertum ohne Plan B
Berlin. Es begann mit der Corona-Pandemie. Der radikale Stillstand für die Veranstaltungsbranche bedeutete für Fabian Werth (45) Neustart in die Selbstständigkeit. Schon als Teenager machte er seine ersten unternehmerische Schritte mit seinen selbst organisierten Trödelmärkten in Berliner Turnhallen. Heute ist er Inhaber und kreativer Kopf der Berliner Goldsuse GmbH i.G. Mit der Neupositionierung des nahezu vergessenen Likörs will Werth eine bislang weniger bekannte Traditionsmarke wirtschaftlich etablieren.
Fabian Werth ist ein Macher, ein echter Handschlagtyp – jemand, der nicht nur redet, sondern handelt. Er gilt als Pragmatiker: „Das Nachdenken kommt so ’n bisschen später.“ Statt langfristiger Strategieplanung setzt er auf Intuition und rasches Handeln – eine Herangehensweise, die Chancen eröffnet, aber auch zu Fehleinschätzungen führen kann. Werth selbst sieht darin kein Defizit, sondern eine seiner unternehmerischen Stärken: die Fähigkeit, ins Tun zu kommen und daraus zu lernen.

Netzwerk mit Herzschlag

Er ist keiner, der Visitenkarten streut oder Facebook-Follower zählt. Fabian Werth ist ein Netzwerker alter Schule – mit Haltung, Handschlag und Herz. In seinem Umfeld nennt man ihn den „Kümmerer.“ Nicht, weil er ständig versucht, etwas zu verkaufen – sondern weil er sich kümmert. Um Menschen. Um Ideen. Um Beziehungen, die halten. Viele seiner Wegbegleiter kennt er seit Jahrzehnten – aus der Grundschule, aus Jugendzeiten, manche seit über 40 Jahren. Was sie verbindet, ist mehr als Business: Es ist Vertrauen und Verlässlichkeit.
Werth sieht in jedem Menschen eine Geschichte. Und manchmal auch eine Brücke zu jemand anderem. Die Menschen, die sich hier treffen, wissen: Man muss nichts kaufen, um dazuzugehören. „Ich probiere, Leute zusammenzubringen, die sich dann auch untereinander sehr, sehr gut verstehen – und das recht uneigennützig.“ Sein Erfolgsrezept: Nicht zu denken, was man bekommen kann, sondern was man beitragen will.
Vom Projekt zum Trendprodukt
Es gibt Produkte, die sind mehr als ihre Zutaten. Sie erzählen Geschichten von Familien, von Zeiten, von Orten. Der Fruchtlikör Berliner Goldsuse mit seiner über hundertjährigen Historie ist einer davon. Benno Eisermann, der Neffe der Rezepturentwicklerin Grethe Eisermann, versuchte im Jahr 2022 ein Comeback des Klassikers. Trotz Markeneintrag und Blattgoldflöckchen blieb der große wirtschaftliche Erfolg aus. „Das war ein Zuschussgeschäft“, erinnert sich Werth. Doch anstatt die Marke in Vergessenheit geraten zu lassen, setzt er auf einen Relaunch – gegen alle Zweifel. 2024 kauft Fabian Werth die Markenrechte, übernimmt die geschützte Familienrezeptur und wird der kreative Treiber, unterstützt von Benno.
Die Berliner Goldsuse ist noch kein schnell drehendes Trendprodukt, sondern ein Projekt mit Tiefe. „Ich möchte etwas schaffen, das Bestand hat – ein Berliner Original, das man mit nach Hause nimmt wie ein gutes Gespräch.“ Werth denkt bei Markenentwicklung wie andere an Kunst. Alles wird selbst entschieden: die Flaschengrößen, der Korken, das Design. Er setzt auf Qualität und Emotion. Was zählt, ist nicht Massenproduktion, sondern Wiedererkennung, Geschichte und Wertigkeit. Er lässt in einer traditionsreichen Destillerie in Niedersachsen produzieren, setzt auf zertifizierte Lieferanten und hochwertiges Design. Es gibt für ihn keine Kompromisse, wenn es um die Qualität seiner Produkte geht. „Es bringt nichts, etwas billig herzustellen“ – das ist der zentrale Bestandteil seines Markenverständnisses.
Die Berliner Goldsuse soll sich neben ihrer wirtschaftlichen Tragfähigkeit als Berliner Souvenir etablieren und langfristig einen festen Platz in der lokalen Genuss- und Eventkultur einnehmen. Schon jetzt findet man sie in ausgewählten Feinkostläden, im KaDeWe und bei renommierten Gastronomen. Darüber hinaus wird das Produktkonzept weiterentwickelt. Mit neuen Verkaufsgrößen, Personalisierungen und Sondereditionen soll der Likör als Botschafter Berlins fungieren. Auch eine prickelnde Variation mit Schaumwein – Berliner Sprizz – ist geplant, die entsprechenden Markenrechte wurden bereits gesichert.
Werth denkt groß: Für 2026 plant er eine exklusive Veranstaltung zum 100. Geburtstag des Berliner Funkturms – ein Ort, der bislang nur ihm für Events geöffnet wird. Dass ausgerechnet ein Likör mit Wurzeln in den Goldenen Zwanzigern dort sein Revival feiert, passt zum Gesamtkonzept: Nostalgie trifft auf neue Visionen. Und vielleicht ist das auch die Geschichte eines Mannes, der einfach nicht losgelassen hat.

Die Kraft des Tuns
Fabian Werth orientiert sich beruflich weniger an klassischen Karriereschritten als an einer ausgeprägten Neugier für das Unkonventionelle. Sein Interesse gilt Dingen, die im Alltäglichen leicht übersehen werden: alte Koffer, Bunkeranlagen, unterirdische Immobilien. Parallel engagiert er sich in der Berliner Kunstszene – zuletzt etwa mit der Förderung der Nachwuchskünstlerin Günay Shamsi. Trotz unternehmerischer Projekte steht für Werth eines stets im Mittelpunkt: die Familie. Besonders prägend waren für ihn sein Großvater als moralisches, sein Vater als gestalterisches Vorbild. Letzterer, ein brillanter Mathematiker, durfte den Stararchitekten Frank O. Gehry bei der Berechnung der Konstruktion für die biomorphe Raumskulptur in der Berliner DZ-Bank unterstützen.

Die Verbindung von Unternehmertum und Privatleben ist bei Werth fließend. Seine Tochter Mariella begleitet ihn gelegentlich zu Veranstaltungen – nicht als Dekoration, sondern als kleine Partnerin in einer großen Geschichte voller Umwege, Rückschläge und Zwischenstopps. Werth spricht nicht oft über Privates – aber wenn, dann mit leiser Klarheit: „Auch wenn das mit dem Familienglück nicht immer geklappt hat: Ich habe zwei ganz tolle Kinder.“ Sein unternehmerisches Engagement geht auch mit dem Wunsch einher, seinen Kindern etwas Bleibendes zu hinterlassen – nicht nur materiell, sondern auch ideell: Haltung, Werte und vielleicht sogar eine Firma mit Herz. Auf die Frage nach einem Lebensmotto muss Fabian Werth nicht lange überlegen. Es ist ein Lieblingsspruch seiner Großmutter, der ihn bis heute begleitet: „Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.“ Dieser Satz sei für ihn Motivation und Handlungsaufforderung zugleich – nicht ewig planen, sondern umsetzen. Damit schaut er auf seine Tochter, lächelt und freut sich auf die Zukunft.


