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Mittelstand trifft Zukunft – doch wer zahlt die Rechnung?

Berlin. Mehr als 6.000 Entscheider aus dem Mittelstand, über 150 Partner sowie prominente Polit-Vertreter kamen in der STATION zusammen – zum jährlichen Zukunftstag des BVMW (Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V.) Unter dem Motto „Tradition & Innovation“ diskutierte das größte Branchentreffen seiner Art drängende Zukunftsfragen von KI-Einbindung bis Fachkräftesicherung. Inmitten geopolitischer Krisen forderten die Unternehmer erneut eine entschlossene Wachstumsagenda für Deutschland. Wie gut und gründlich aber Berlin diesmal zuhört, bleibt offen.

Babyboomer gehen, Aufgaben bleiben – und KI schafft neue Probleme

Mit dem Ausscheiden der Babyboomer verliert der Mittelstand weit mehr als nur Personal. Er verliert auch jahrzehntelang gewachsenes Erfahrungswissen – meist undokumentiert in Köpfen, Routinen und persönlichen Netzwerken gespeichert. Nico Lüdemann (bluecue consulting) bringt es auf den Punkt: „Die Aufgaben bleiben, die Menschen nicht.“ Was entsteht, ist eine Lücke, die sich durch Stellenausschreibungen allein nicht schließen lässt. Gravierender noch: Mit den Erfahrungsträgern verlassen auch gewachsene Vertrauensbeziehungen das Unternehmen – jene soziale Substanz, auf der Geschäfte tatsächlich beruhen. Gleichzeitig erodiert die Führungsbereitschaft bei jüngeren Generationen – selbst bei finanziellen Anreizen. Mehr Verantwortung, höhere Komplexität und zusätzliche Belastungen stoßen auf veränderte Erwartungen an Arbeit und Lebensqualität.

Künstliche Intelligenz gilt vielen Unternehmen als Antwort auf diese Lücken. Doch statt Entlastung erzeugt sie häufig einen zusätzlichen ›Workslop‹: Effizient generierte Dokumente und Inhalte führen häufig zu einem paradoxen Mehraufwand, da die wachsende Informationsflut auf der Empfängerseite gefiltert und bewertet werden muss. Die Einführung von KI erweist sich damit vor allem als soziale Innovation. Sie kann Prozesse beschleunigen, ersetzt jedoch weder Vertrauen noch belastbare menschliche Netzwerke. Die entscheidende Herausforderung für den Mittelstand bleibt daher organisatorisch – nicht technologisch.

Made in Germany 2.0 – vom Exportweltmeister zur Generation KI

Ralph Haupter (EVP & CRO bei Microsoft) warb für ein neues Erfolgsmodell: „Made by German Generation KI“. Die Traditionsmarke ›Made in Germany‹ – Exportstärke, Präzision und Verlässlichkeit – besitzt global noch immer einen Exzellenz-Bonus, der Türen öffnet. Doch Haupter warnt: Der Ruf des badischen Ingenieurs allein wird nicht ausreichen, um den anstehenden Generationenwechsel zur ›Generation KI‹ zu meistern. Der nächste Entwicklungsschritt ist bereits erreicht: weg von reinen Sprachmodellen, hin zu digitalen Agenten, die ganze Workflows eigenständig übernehmen. IDC (International Data Corporation) prognostiziert bis 2028 bereits 1,3 Milliarden solcher Systeme. Auf der nahenden Hannover Messe werden zudem KI-Roboter und Physical AI gezeigt, mit einem erwarteten Marktpotenzial von 438 Milliarden Dollar bis 2030 in Branchen wie Industrie, Mobilität und Gesundheit.

Immer noch zeigt sich der Mittelstand zögerlich: Laut IfM (Institut für Mittelstandsforschung Bonn) nutzt erst jedes vierte Unternehmen KI. Der Anschluss ist noch nicht verloren. Doch für die globale Spitze braucht es einen „Quantensprung“ oder – wie Bundesdigitalminister Karsten Wildberger das nannte, einen „Leap“. Microsoft investiert dafür 3,2 Milliarden Euro in deutsche KI-Infrastruktur und Rechenzentren. Das Ziel ist die Symbiose aus lokaler Datensicherheit und globaler Skalierbarkeit. Das klingt nach echtem Commitment, ist aber auch knallhartes Marktinteresse. Ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil wird am Ende aber nicht nur an der Rechenpower gemessen, sondern wie der Mittelstand Technologie integriert.

Staatsquote bei 51 Prozent vs. Wettbewerb, Freiheit, Wachstum

Wolfgang Kubicki (FDP) ließ wenig Raum für Missverständnisse: „Die aktuelle Wirtschaftspolitik bewegt sich komplett in die falsche Richtung.“ Hohe Staatsquote, steigende Abgabenlast und die als Entlastung verkaufte 1.000-Euro-Regelung gefährdeten nach seiner Ansicht Leistungsanreize und Wettbewerbsfähigkeit. Sein Gegenentwurf: Steuer- und Abgabensenkungen, Abschaffung der Erbschaftsteuer sowie eine technologieoffene Energiepolitik mit neuen Kernkraftlösungen und Nutzung heimischer Ressourcen – auch um den wachsenden Strombedarf für die KI-Infrastruktur zu sichern. „Wir wollen den Erfolg“ und „Ich will Wettbewerb“ lauteten seine Kernbotschaften. Erfolg darf nicht länger moralisch diffamiert werden. Auch das sinkende Bildungsniveau nahm er ins Visier – ein System, das Wettbewerb scheut und Standards senkt, beraubt die Jugend ihrer Zukunftschancen.

BVMW-Bundesgeschäftsführer Christoph Ahlhaus setzte den Schlusspunkt selbstbewusst: „Der Mittelstand ist nicht irgendwer!“ Der Verband versteht sich als konstruktiver Ratgeber der Politik – sachlich, aber mit scharfer Klinge. Per Live-Schaltung wurde die eingeforderte Wachstumsagenda ins Parlament übertragen. Der nächste Zukunftstag findet am 7. April 2027 statt. Klar ist: Der Mittelstand reklamiert seine Rolle als Eckpfeiler der Gesellschaft und mahnt eine Wirtschaftspolitik an, die Erfolg wieder ermöglicht, statt ihn zu erschweren.

www.bvmw.de