Zwischen Weltruhm und Marzipan – Verfall als Kunstform
Berlin/Lübeck. Vor 125 Jahren veröffentlichte ein 25-jähriger Thomas Mann mit den ›Buddenbrooks‹ seinen ersten großen Roman über den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie, für den er 1929 den Nobelpreis erhielt. Dieses Jahr gibt es gleich dreifach Grund zum Feiern: Manns 150. Geburtstag, das Romanjubiläum und die neue Sonderausstellung ›Family Affairs‹, die am 30. Oktober im St. Annen-Museum Lübeck eröffnet. Während das Buddenbrookhaus weiter umgebaut wird, ging eine Autorenlesung in der Landesvertretung Schleswig-Holstein der Frage nach, was den Roman so beharrlich lebendig hält.

Nestbeschmutzer – Skandalroman und Lübecks Aufruhr
Als ›Buddenbrooks – Verfall einer Familie‹ 1901 erschien, reagierte Lübeck mit offenem Unmut. Obwohl die Stadt im Roman namentlich ungenannt bleibtb, erkannten viele Bürger Straßen, Häuser und vor allem sich selbst in den Figuren wieder. Die satirische Überzeichnung der Honoratioren verstörte die Stadtgesellschaft. In Buchläden kursierten unter der Hand sogenannte „Schlüssellisten“, die Romanfiguren realen Vorbildern zuordneten. Bis heute tauchen Exemplare davon in Archiven auf – ein Indiz für den volkstümlichen Spott über die Stadtoberen, die sich im literarischen Untergangsszenario bloßgestellt sahen. Dass heutzutage Weinhandlungen mit ihrer Erwähnung werben, markiert eine Wandlung vom ehemaligen Aufreger zum modernen Stadtmarketing.
Manns kritischer Blick machte auch vor der eigenen Familie nicht halt. Besonders deutlich zeigt das Christian Buddenbrook: ein unterhaltsamer Erzähler und hypochondrischer Müßiggänger, der vieles beginnt und nichts vollendet. Kurz nach seiner Hochzeit gegen Ende des Romans wird er von seiner Frau Aline Puvogel in eine Anstalt verbracht. Das reale Vorbild: Onkel Friedrich Mann. Elf Jahre nach Erscheinen des Romans schaltete der im ›Lübecker General-Anzeiger‹ eine Anzeige und beschimpfte seinen Neffen öffentlich als „Nestbeschmutzer“. Thomas Mann, damals längst in München, reagierte kühl: „Sein“ Christian hätte das nie getan! Der Roman entfachte also nicht nur in der Stadt, sondern auch in der eigenen Familie Unfrieden.

420 Figuren – Meisterleistung und Totenreigen
Thomas Manns Welterfolg war von Beginn an als Verfallsgeschichte angelegt. Der frühe Arbeitstitel lautete bezeichnenderweise Abwärts. Schon der Name „Buddenbrook“ trägt das Scheitern in sich: Niederdeutsch für „Bodenbruch“ beschreibt er eine moorige Sumpflandschaft, die jeden Aufstieg unweigerlich wieder verschlingt. Interessanterweise ist das Werk weniger eine reine Erfindung als vielmehr eine meisterhafte Montage: Mann selbst gab zu, er habe „gefunden statt erfunden“. Der Autor bediente sich schamlos bei Lexika, fremden Literaturen und Familienanekdoten. Besonders deutlich wird diese Technik im berühmten Typhus-Kapitel, das in seiner klinischen Detailtreue den metaphorischen Zerfall der Familie in einer „entsetzlichen Durchfallerkrankung“ verdichtet. Wer noch Zweifel hatte, dem sei verraten: Eine Postkarten-Comic-Adaption der Zeichnerin Isabel Kreitz bringt es auf den Punkt – in jedem Bild stirbt eine Figur.
Trotz seines Umfangs bleibt der Roman überraschend übersichtlich – obwohl exakt 420 Figuren auftreten. Einige sind bis heute besonders präsent: der empfindsame Hanno, in dessen Schulkapitel sich Generationen von Lesern wiederfinden, oder die „vampirhafte“ Gerda, die als kühle Schönheit im Kontrast ihrem alternden Gatten Thomas zeitlos bleibt. Auch Nebenfiguren entfalten Präzision: die unverheiratete Tilda aus der armen Seitenlinie kompensiert ihre gesellschaftliche Aussichtslosigkeit durch legendären Appetit. Solche Details zeigen, warum der Roman mehr ist als eine Familiensaga. Er ist Gesellschaftsanalyse, Charakterstudie – und ein erstaunlich modernes Panorama des Scheiterns.

Plettenpudding und Zahnschmerz – das Leben steckt im Detail
IIn ›Buddenbrooks‹ verknüpft Thomas Mann Gesellschaftsanalyse mit präzisen Alltagsdetails. Im berühmten Schulkapitel um Hanno verarbeitet der Autor – selbst kein Musterschüler – eigene Erfahrungen mit wilhelminischer Erziehung: überhitzte Klassenräume, skurrile Lehrer, sanktionierte Individualität. Zugleich lebt der Roman von sinnlichen Kontrasten. Es wird gegessen, gebacken und kuriert: Taube und Franzbrot als probates Hausmittel gegen Malaisen aller Art oder weihnachtliche Völlerei mit Plettenpudding und Baisers – allerdings stets neben körperlichem Zerfall. Selbst das Zahnarztmotiv ist biografisch verwurzelt: Thomas Mann litt zeitlebens unter Zahnproblemen und formte seinen Lübecker Zahnarzt zur Figur Dr. Brecht. Dessen Praxis in der Mühlenstraße existiert übrigens bis heute – und ist immer noch die Zahnarztadresse des Buddenbrookhaus-Teams.
Obwohl Thomas Mann nicht im Buddenbrookhaus geboren wurde, (es war das Haus seiner Großmutter) hält das Museumsteam das literarische Erbe dort lebendig. So werden jährlich zum Nikolaustag nachgebackene Köstlichkeiten aus dem Roman an Besucher verschenkt. Passend dazu erschien ›Huch, alle tot? 101 Fragen und Antworten zu »Buddenbrooks«‹ – ein unkonventioneller Leitfaden durch den literarischen Friedhof. Der Titel setzt bewusst auf Leichtigkeit – es ist ein Plädoyer für das (Wieder-)Lesen.




