Stadtvibe

20 Jahre UNESCO City of Design – Form folgt Zukunft

Berlin. Drei Tage, Dutzende Showrooms, ein UNESCO-Jubiläum – Berlin feierte sich wieder als Designstadt. Vom 24. bis 26. September 2026 verbanden die neuen DesignDays.Berlin zugleich Messe, Festival und KI-Summit. Marken öffneten ihre Türen, Designer diskutierten Trends und gaben Einblick in die Prozesse hinter den Produkten. Dabei ist Design längst mehr als ästhetische Inszenierung. Technische Innovation und die Suche nach nachhaltigen Konzepten prägten das Bild ebenso wie die Gestaltung selbst: Was bleibt, wenn der erste Eindruck verblasst – und Gestaltung tatsächlich Bestand haben soll?

„Transformation by Design“: Das Motto der DesignDays.Berlin für Veränderung durch die Bereitschaft, Gewohntes neu zu denken. Foto: Jana Kwiatkowski

DesignDays.Berlin – Stadt als Bühne, Marken als Kulisse

2026 jährt sich Berlins Aufnahme in das UNESCO Creative Cities Network als ›City of Design‹ zum 20. Mal. Pünktlich zum Jubiläum schenkte sich die Hauptstadt mit den DesignDays.Berlin ein neues Großformat. Inszeniert von den Initiatoren H.O.M.E. und on time PR, nutzte das Konzept die Stadt selbst als Kulisse statt der klassischen Messehallen: Mehr als 60 Marken und Showrooms – von Rolf Benz und Bang & Olufsen bis zum KaDeWe – öffneten ihre Türen für Ausstellungen, Workshops und Talks rund um Architektur, Handwerk und KI. Das Besondere lag im niederschwelligen Zugang: Ein Großteil der Veranstaltungen stand Fachpublikum wie Design-Enthusiasten kostenfrei offen. Der Anspruch der Premiere ging über das Produkt hinaus: Sichtbar werden sollten Ideen, Prozesse und die Menschen dahinter. 

Das dezentrale Format feierte die kreative Energie der Hauptstadt und verstand sich ausdrücklich als offene Netzwerkplattform. Entlang einer eleganten Route durch Premium-Adressen wie LIVING BERLIN, Roche Bobois oder Dornbracht trafen etablierte Branchengrößen auf frische Impulse. Über reine Markenpräsentationen hinaus lieferten Panels echte Debattenanstöße zu Handwerk und Gestaltung von morgen. Den Abschluss bildeten die Finissage von ›STREETWISE by Konstantin Grcic +25kg‹ im Deutschen Design Museum und die finale CUPRA × H.O.M.E. Design Night – ein Einstand, der das Potenzial zum dauerhaften Branchen-Treffpunkt bewies.

„STREETWISE +25kg“: Design-Ausstellung des bekannten deutschen Industriedesigners Konstantin Grcic in Kooperation mit dem Kollektiv 25kg. Foto: Jana Kwiatkowski
LIVING BERLIN als Bühne: Angelika Müller (li, H.O.M.E.) und Stephanie Salziger (LIVING BERLIN) machen aus einem Standort ein Festival. Foto: Jana Kwiatkowski
Schlussakkord der Premiere: CUPRA × H.O.M.E. Design Night. Foto: Jana Kwiatkowski

Reduktion, Re-Edition, Raumgefühl – Showrooms im LIVING BERLIN

Wie wird aus einem Blatt Papier ein schwebender Brillant? Die Vredener Manufaktur Niessing legte ihren Entwurfsprozess offen. Im ältesten eigenen Store der Marke im LIVING BERLIN (ehemals Stilwerk) zeigte Designchefin Nina Friesleben-Laue den Weg vom Papierentwurf zum fertigen Schmuckstück. Sie zeigte Skizzen und Papiermodelle von Design-Klassikern wie etwa dem vor über 40 Jahren von der Marke entwickelten Spannring® – bei dem ein Diamant ohne Fassung im Ring gehalten wird – und neueren Stücken wie zum Beispiel der von der Riesenrad-Architektur inspirierten Linie Vivida. Die gestalterische Handschrift orientiert sich am Geist der Bauhaus-Philosophie. Dank einer eigenen Manufaktur mit 170 Mitarbeitern kann das fünfköpfige Designerteam seine experimentellen Entwürfe mit handwerklichem Know-how direkt in reduzierte Schmuckarchitektur übersetzen. 

Vom Papier zum Spannring®: Skizzen, Modelle und fertige Stücke auf einem Tisch. Foto: Jana Kwiatkowski

Bei Roche Bobois gilt das modulare Mah Jong seit rund fünfzig Jahren als Markenkern: Sitz- und Rückenkissen, die sich verschieben und immer wieder neu kombinieren lassen. Zu den DesignDays.Berlin holte das Haus im LIVING BERLIN daneben eine echte Space-Age-Ikone zurück auf die Bühne – Ovalia von 1968. Der Designer Henrik Thor-Larsen hatte den eiförmigen Sessel aus Glasfaser entworfen. Die Neuauflage des retro-futuristischen Schutzkokons des mittlerweile 93-jährigen Dänen feierte nach der Paris Design Week ihre Berlin-Premiere. In fünf Farben, matt wie glänzend und inklusive Hocker sowie Smartphone-Magnetverbindung für ungestörtes Streamen, trifft organisches 60er-Design auf moderne Technik. Dass die Initiative zur Neuauflage aus der Familie des Designers selbst kam, verleiht Authentizität jenseits kurzfristiger Trends. 

Ein Sofa als Baukasten: Mit dem Mah Jong verbindet Roche Bobois individuelles Arrangement mit expressivem Design. Foto: Jana Kwiatkowski
Space-Age im 21. Jahrhundert: Ovalia von Henrik Thor-Larsen, 1968 – neu aufgelegt. Foto: Jana Kwiatkowski

Massivholz kann weich wirken: Mit der neuen Kollektion ›nya‹ präsentiert TEAM 7 eine spürbar emotionalere Ästhetik. Im Berliner Flagshipstore, seit 2019 am Standort, zeigte Stephanie Jasny einen organischen Esstisch auf skulpturalem Metallgestell. Tisch und Stuhl setzen auf natürliche Linien und reduzierten Materialeinsatz – ein bewusster Kontrast zur Tradition klassischer Massivholzmöbel. Die 1982 in München geborene, in Berlin lebende Designerin (UdK-Diplom 2008) gibt dem österreichischen Hersteller damit eine weichere Formensprache. Verarbeitet werden ausschließlich europäische Hölzer wie Buche, Eiche und Kirsche, nur geölt, nie lackiert. Nach der Premiere wurde Jasny zur ersten Kreativdirektorin berufen. Damit dürfte sie künftig maßgeblich an der Weiterentwicklung der Markenidentität und einer möglichen Verjüngung des Naturholz-Spezialisten mitwirken.

Skulpturaler Materialkontrast: ›nya‹ von Stephanie Jasny sucht die weiche Linie. Foto: Jana Kwiatkowski

Vom Trafo zum Touchscreen – Sound trifft Space-Age

Bang & Olufsen erzählt Design als Gründungsgeste. Bereits 1925 entwickelten die Gründer Peter Bang und Svend Olufsen mit ›The Eliminator‹ das erste direkt an das (damals noch im Aufbau befindliche) Stromnetz anschließbare Radio. Seither forderte das dänische Traditionshaus die Ingenieurskunst heraus: von Radios in Bauhaus-Ästhetik und Säulenlautsprechern über im Gerätefuß integrierte Bässe bis hin zu Touch-Bedienkonzepten lange vor dem Tablet-Zeitalter. Bei den DesignDays.Berlin erschien Unterhaltungselektronik als wohnliche Skulptur. Holzlamellen, die sich zur Musik öffnen, haben kaum akustischen Nutzen. Sie inszenieren den Ton. Design ist hier nicht nur Dekoration, sondern zugleich Aufforderung, vermeintliche Grenzen neu zu denken.

Wie weit dieses Denken reichen kann, zeigte der Talk mit B&O-Kreativchef Kresten Bjørn Krab-Bjerre und Vollebak-Mitgründer Nick Tidball. Im Mittelpunkt standen die limitierte Beosound 2 Vollebak Edition mit unregelmäßiger Eloxal-Oberfläche und das ›Vollebak Spaceshop‹. Der über 1.000 Kilogramm schwere Pop-up-Store besteht aus Carbon, Edelstahl und eloxierten Aluminium-Paneelen und war bereits in Kopenhagen und London zu sehen. Darin reisen Vollebaks radikalste Stücke, darunter Jacken aus Mars-Aerogel. Gedacht ist er als Vision eines Warenwegs zwischen Erde, Mond und Mars. Je vier Beolab 5 und Beosound 2 erzeugen rund 120 Dezibel und können Frequenzen eines Raketenstarts simulieren. Die Vision dahinter: Der Store kommt zum Kunden. „Egal, wo man sich gerade aufhält: am Strand von L.A. oder beim Asteroidenabbau im All“, sagt Tidball. Spektakulär ist das allemal. 

High-End-Audio trifft Zeitgeist: Bang & Olufsen inszeniert akustische Ingenieurskunst als wohnliche Skulptur. Foto: Jana Kwiatkowski
Sound, Space & Future: Kresten Bjørn Krab-Bjerre (Mitte), Nick Tidball (re) und Stefanie Salziger (li) im Gespräch. Foto: Jana Kwiatkowski

Was heute nach Science-Fiction klingt, wird damit zur Designfrage: Wie könnte ein Geschäft aussehen, wenn Raum und Entfernung ihre bisherigen Grenzen verlieren? Die DesignDays.Berlin boten dafür eine Bühne, auf der etablierte Marken ihre Antworten zeigen konnten. Berlin hat bereits Design Week und Nachwuchsformate. Die Frage lautet nicht, ob Design sichtbar wird – sondern wessen Design, für wen und zu welchem Preis der Aufmerksamkeit.

Panels in der MOKKA*MILCH: Was sollte die Architektur jetzt tun? Diskussion über zukunftssicheres Bauen mit führenden Architekten. v.l.n.r.: Angelika Müller und Norman Kietzmann (H.O.M.E., Moderation), Christopher Sitzler-Brakel; Martin Jasper; Jürgen Mayer H.; Martin Jasper. Foto: Jana Kwiatkowski

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