Millionen … und noch mehr: Sentire aude – trau Dich, was zu merken
Geld ist im Unternehmensalltag der finale Prüfstein jeder Vision: Führungskräfte hantieren rasch mit Millionenbudgets, doch strategische Bauchentscheidungen stoßen ohne finanzielle Substanz rasch an harte ökonomische Grenzen. Kant, einer der Principes philosophicorum, der Fürsten seines Faches, meinte ja mal in seiner ›Kritik der reinen Vernunft‹ (1781), dass Gedanken ohne Inhalt leer seien, und Anschauungen ohne Begriffe blind. Es reicht nicht, nur zu fühlen. Man muss auch denken können. Allerdings auch umgekehrt, of course.

Million gegen Milliarde – Der blinde Fleck im Kopf
Eines der herrlichsten Beispiele für vorauseilendes Denken, dem das Fühlen kaum mehr folgen kann, ist wohl die Million/Milliarde-Konfusion. Halt! Stop! Bevor Ihr weiterlest: Wo in etwa würdet Ihr die Million „gefühlt“ verorten?

Die meisten Leute würden die Million bei etwa einem Drittel der Gesamtstrecke vermuten – also in etwa in dem Bereich, den wir mit den Pfeilen angedeutet haben. Das ist, was das reine Denken angeht, natürlich etwas peinlich. Tatsächlich nämlich liegt sie so ziemlich exakt auf dem Nullpunkt. Warum das? Eine Million ist ein Tausendstel von 1 Milliarde. Damit liegt die Million auf der Skala praktisch an der gleichen Stelle wie die Null. Der Abstand zur Null beträgt weniger als die Strichstärke eines sehr feinen Schreibwerkzeuges – nicht mehr als 0,1 mm.
Wie erklärt sich eine solch frappante Verwirrung des Gefühls? Nun, anthropogenetisch war es schlechterdings nicht wichtig, derlei zu wissen – und so haben wir als Menschheit das eben nie gelernt. Kein steinzeitlicher Jäger war je damit konfrontiert, sich vorzustellen, wie das wäre, wenn er es mit einer Million Säbelzahntigern zu tun hätte, oder einer Milliarde gar. Ein einziger war durchaus beeindruckend genug. Heutzutage dagegen, wo wir als Menschheit in immer absurdere Größenordnungen vorgestoßen sind, kann es allerdings nicht schaden, sich des Unterschiedes endlich mal bewusst zu werden – auch wenn man ihn nicht „fühlen“ kann. 106 … 109 …? Soo krass kann der Unterschied ja wohl nicht sein. Denkste! Kann er wohl!
Größenordnungen – Wenn aus Zahlen Lebensarbeitszeit wird
Wir haben die jeweiligen Zahlen in Sekunden ausgedrückt und (gerundet) in Minuten, Tage und Jahre umgerechnet. Damit entspricht der Unterschied zwischen einer Million und einer Milliarde dem Unterschied von 12 Tagen zu 32 Jahren (!). Das ist „gefühlt“ ein Unterschied, der durchaus einen Unterschied macht. Nehmen wir an, jemand veranschlagt bei einem mittelständischen Unternehmen mal eben 1.000 Euro für ein Geschäftsessen, eine Beratung oder eine spontane Marketingmaßnahme. Das ist durchaus kein unrealistischer Wert. Und stellen wir uns vor, das würde 17 Minuten einer Lebensarbeitszeit entsprechen – denn schließlich muss der Umsatz, aus dem solche Ausgaben bezahlt werden, erst einmal erwirtschaftet sein. Nun könnte man strikt pragmatisch-philosophisch sagen: Was soll’s? Gehört eben zum Geschäft.

Stellen wir uns nun weiter vor, jemand investiert eine Million Euro in eine neue Produktionsanlage, eine Softwareumstellung oder den Ausbau eines Standorts. Das würde schon 12 Tagen einer Lebensarbeitszeit entsprechen. Auch hier könnte man vielleicht noch sagen: Wieso? Was sind schon 12 Tage? Wenn sich die Investition langfristig rechnet und das Unternehmen voranbringt? Stellen wir uns jetzt, drittens, vor, ein Unternehmen verbrennt eine Milliarde Euro mit einer strategischen Fehlentscheidung – etwa durch eine völlig überdimensionierte Übernahme oder ein Geschäftsmodell, dessen Risiken niemand ernsthaft hinterfragt hat. Das entspräche, um im Bild zu bleiben, immerhin satten 32 Jahren der Lebensarbeitszeit – zwei Dritteln der gesamten beruflichen Existenz. Spätestens hier könnte der ein oder andere durchaus ins Grübeln geraten. Oder, im Kant’schen Sinne, das Denken schließt sich mit dem Fühlen kurz – ›fühlen‹ im Sinne von ›wirklich verstehen‹, statt nur zu rechnen. Und so soll es ja auch sein: Sentire aude – trau Dich, was zu merken und sapere aude (benutze Dein Gehirn).
Strategischer Verstand – Kants Erbe in der Führungsetage
Denken ist notwendig. Aber bei weitem nicht hinreichend. Da hat der Kant gar völlig Recht. Denn zwischen einer Zahl auf dem Papier und ihrer wirtschaftlichen Wirklichkeit liegt mitunter ein Abgrund, den selbst erfahrene Führungskräfte übersehen. Eine Million klingt nach viel, eine Milliarde nach noch mehr – doch unser Gefühl für diese Dimensionen versagt gerade dort, wo unternehmerische Entscheidungen besonders weitreichend werden. Dabei ist die entscheidende Frage nicht allein, was eine Investition kostet, sondern welchen Wert sie schafft, welche Risiken sie birgt und wer am Ende für Fehlentscheidungen geradesteht.
Wer hier nur rechnet oder nur „fühlt“, riskiert, dass aus Visionen Fehlinvestitionen werden, deren Dimensionen erst spät wirklich verstanden werden. Sentire aude bleibt deshalb kein philosophisches Extra, sondern die eigentliche Führungsaufgabe: Die Kunst des Wirtschaftens – nicht nur große Zahlen zu bewegen, sondern ihre Konsequenzen zu begreifen. Denn Budgets lassen sich addieren, Prognosen modellieren und Verluste verbuchen. Was sich nicht so einfach verrechnen lässt, sind gebundenes Kapital, vertane Chancen und verlorene Jahre.

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