28 Manufakturen in einer Nacht – Handwerk zum Anfassen
Berlin. Hinterhöfe statt Fließbänder: Bei der ›Langen Nacht der Manufakturen‹ öffneten am 17. Oktober 2026 insgesamt 28 Werkstätten, Ateliers und Showrooms ihre Pforten. Verborgen in Hinterhöfen und Nebenstraßen gewährten sie Einblicke in ihre Arbeit – von Mode und Schmuck bis zu Design und Genuss. Vier Stunden lang konnten Besucher die Vielfalt lokalen Handwerks entdecken und mit den Menschen hinter den Produkten ins Gespräch kommen. Der Eintritt war frei. Das Pilotprojekt wurde von der Wirtschaftsförderung des Bezirks Mitte gemeinsam mit visitBerlin initiiert.

Am Ende ist der Ratgeber immer der Geschmack
Kleine Produktionsbetriebe verlieren in der wachsenden Innenstadt zunehmend den Raum, den sie zum Arbeiten brauchen. Bezahlbare Gewerberäume und geeignete Produktionsflächen sind entscheidend dafür, ob traditionelles Handwerk und lokale Produktion in Berlin bestehen können. Zwischen französischer Haute Pâtisserie und Berliner Nachbarschaftsnähe setzt Du Bonheur in der Brunnenstraße genau hier ein Zeichen – mit kompromissloser Handarbeit: Die Zutaten stammen überwiegend aus Deutschland, die Schokolade aus Frankreich. Chefin Anna Plagens, ausgebildet bei der Pariser Legende Pierre Hermé, erklärt, dass es bei Genuss vor allem um Emotionen gehe: „Der Geschmack des Macaron steckt in der Ganache oder der Buttercreme. Sieht man die Füllung kaum, schmeckt das Gebäck meist nach wenig. Dafür lohnt es sich nicht, sein Kalorienkonto zu belasten.“
Berliner Einflüsse zeigen sich hier sowohl in der Teamstruktur – weniger hierarchisch und militärinspiriert als das französische Vorbild – als auch in Sorten wie etwa Lakritz, die in Paris eher unüblich ist. Im Kiez kennen sich Team und Stammkunden oft persönlich – man weiß meist schon beim Betreten, was jemand mag. Die Produktion stößt derweil an ihre Grenzen. Das Team arbeitet in Früh- und Spätschichten und sucht nach einer größeren Backstube. Handwerk hat seinen Preis: Gute Produkte brauchen Können, Zeit, geeignete Räume – und ebenso Menschen, die bereit sind, ihren Wert zu bezahlen. Der enorme Andrang überraschte das Team. Er zeigte das Interesse an einem Blick hinter die Kulissen – ein längst überfälliges Signal für das lokale Gewerbe.

Spüren, was Hände noch bewirken und wie Klang entsteht
Wenn jahrzehntelange Erfahrung auf akribische Handarbeit trifft, entstehen Unikate, die kein Fließband der Welt ersetzen kann – maßgeschneidert, kompromisslos und tief verwurzelt in individueller Leidenschaft. Genau dieses Prinzip verkörpert die kOff e-Cello Manufaktur in der Schwartzkopffstraße: Inhaber Kristoff Becker fertigt modular zerlegbare E-Celli. Seine klanglichen Feinjustierungen, etwa bei Stegformen und Saitenlagen, überzeugten selbst die spätere Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir, die hier das Instrument für ihren düsteren Joker-Soundtrack fand.
Mehr als 30 Instrumente hat Becker inzwischen gebaut. Begonnen hat alles mit einem Störgeräusch: Als Live-Begleiter von Stummfilmen hatte er mit Rückkopplungen seines akustischen Cellos vor großen Lautsprecheranlagen zu kämpfen. Der kleinere Klangkörper des E-Cellos schafft hier Abhilfe. Über Jahre hat der Instrumentenbauer – selbst Musiker – Proportionen, Dickenverhältnisse und Stegformen in Live-Tests optimiert. Das Ergebnis sind reisefreundliche Instrumente, die individuell auf Spielweisen und Klangvorstellungen zugeschnitten sind. Offen spricht er über Rückschläge: Sein optisch liebstes Modell klang schlechter, und erst eine Vereinfachung half. Solche hochspezialisierten Nischenmanufakturen zeigen, wie viel Tüftlergeist im Detail steckt. Becker bezeichnet sich augenzwinkernd selbst als Nerd: „Ich suche lieber nach der Perfektion des Klangs als mich um Marketing zu kümmern. Und wenn, müsste auch das von mir selbst handgemacht sein.“ Musiker aus aller Welt finden dennoch gezielt den Weg in seine Werkstatt.
Eigene Ideen unter den Fingern, nicht aus der Cloud
In einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt wächst die Sehnsucht nach greifbarer Handarbeit und echten Sinneseindrücken. Dabei zählt nicht allein das Ergebnis, sondern auch das Wissen und die Geduld in jedem Arbeitsschritt. Der gemeinnützige Verein STATTLAB in der Ackerstraße lebt dies in der Praxis: Die Ateliergemeinschaft verfolgt keine Gewinnabsicht und steht niedrigschwellig jedem offen – ein kreativer Gegenentwurf zu Beliebigkeit. Hier inspirieren sich Siebdruck, analoge Fotografie und Buchbinderei gegenseitig.
Mitgründer und Buchbinder Nils Neumann zeigte, wie aus Papier, Leim, Nadel und Faden individuelle Bücher und Notizhefte entstehen. Wer vor Ort selbst Hand anlegte, merkte schnell: was einfach aussieht, erfordert höchste Präzision beim Falten, Nähen, Verkleben und Zusammenfügen. Mit jedem selbst gebundenen Buch wächst die Erfahrung – und die Lust aufs nächste, so Neumann: „Es geht um den Kleber an den Fingern und das Spüren des Papiers. KI rührt für mich nur zusammen, was es irgendwie schon mal gab. Entscheidend ist doch, selbst etwas zu erschaffen – und auch Scheitern ist erlaubt.“ Wer hier eigene Projekte umsetzen will, muss selbst mit anpacken und erhält dabei fachkundige Unterstützung. Die ›Lange Nacht der Manufakturen‹ machte deutlich, dass Berlins kreative Substanz nicht nur in fertigen Produkten liegt, sondern auch in handwerklichen Fähigkeiten, die Menschen miteinander teilen und weiterentwickeln.

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